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1616–1679

Die erste Satyre. B. N.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Damon der grosse mann der so geraume zeit Durch seinen musen-schertz hat hof und stadt erfreut Inzwischen aber sich in grobes tuch nur kleidet: Jm winter kält und frost im sommer hitze leidet;

Und dessen trockner leib und hungrige gestalt Den ruhm gar sehr beschimpfft der doch von ihm erschallt Ward endlich müd und satt sein gütgen zu verschwenden Und so viel sauren schweiß an einen reim zu wenden

Dadurch er nichts verdient wohl aber in gefahr In schulden um sein kleid und alles kommen war; So daß er nichts bey sich als seinen kummer führte: Drum sucht er fried und ruh die er doch nirgends spürte

Und sann auf sichre flucht und einen wüsten hayn Wo weder rath noch knecht ihm könte schädlich seyn. Bevor die krumme hand der ihm verhasten rechte Jhn in das finstre loch des kerckers werffen möchte

Und er noch etwan gar sich schimpflich müste sehn Bey seiner lorbeer-pracht im grünen hute gehn. Jedoch indem er schied gantz blaß und abgezehret Als einer den die last der sünde noch beschweret

Zur letzten fasten-zeit; so sah er auf sein hauß Und stieß voll grimm und feu’r noch diese wörter aus: Weil denn in dieser stadt wo Phödus stets gewohnet Verdienst und klugheit nicht wie vormahls wird belohnet;

Weil die Poeten ja von GOtt verlassen sind Und man hier weder scham noch wahre tugend findt; So last uns einen ort in hohlen felsen suchen Wo uns kein häscher-knecht kein scherge mehr darff fluchen.

Und weil wir ohne dem umsonst zum himmel schreyn So laßt der zeit zu trotz uns einst verborgen seyn. Dieweil noch meinen fuß kein schwerer fessel drücket; Dieweil sich nicht mein leib für grauem alter bücket

Mein gang gleichwie zuvor noch alle schritte mißt Und meines lebens rest nicht gantz versponnen ist: Das ist der beste rath den ich mir ietzt kan geben. Es lebe Görg’ allhier weil Görge hier kan leben

Den eine million die sein betrug erschnellt Aus einem pfaff und knecht in grafen hat verstellt. Es lebe Jacob hier der durch sein kluges scheren Uns noch mehr schaden wird als pest und krieg gebähren;

Der seine rennten gar ins A. B. C. gebracht Und einen band daraus wie Caleßin erdacht; Er herrsch’ in dieser stadt! Er kan mit rechte lachen. Ich aber in Paris was solt ich doch hier machen?

Ich bin nicht auff betrug und falschheit abgericht; Und wär ich es auch gleich nein lügen mag ich nicht. Ich kan den übermuth der narren nicht verschweigen Für denen andre sich des soldes wegen beugen:

Ich schreibe kein sonnet mit schmeicheln in die welt Und wen ich loben will den lob ich ohne geld. Für ein so schlechtes amt bin ich zu hoch gebohren: Mein geist ist etwas starck und bäurisch abgejohren;

Ich sage wie es ist. Ein sieb nenn’ ich ein sieb Ein kätzgen eine katz und Rolet einen dieb. Verliebten weiß ich nichts geschicktes auszusinnen Ich kan auch nicht die kunst die mägdchen zu gewinnen

Und leb in dieser stadt so einsam und verzagt Als ein halb-todter leib den die verstopffung plagt. Wer aber wirfft man ein heist solche tugend lieben Die man sonst nirgends sieht als in spitälen üben?

Die hoffart stehet nur bey gut und gelde fein Ein armer aber muß zum dienen willig seyn. Durch kuppeln kan ein mann den noth und hunger schwächen Den einfluß und die macht der falschen sterne brechen.

Durch kuppeln hebt das glück bey dieser harten zeit Auch schreiber wenn es will zur höchsten herrligkeit. So gar ist tugend ietzt vom schicksal unterdrücket. Ein schulfuchs triumphirt und wird empor gerücket

Der hätt’ er öffters nicht durch falsche wissenschafft Das grade krumm gemacht und durch der stimmen krafft Das arme land gepreßt wol sonst an seinem wagen Selbst würde kutscher seyn und liebereyen tragen.

Ich weiß wohl daß die furcht von wegen dieser that Erst neulich einen mann von uns entfernet hat: Allein die taxe hat ihn nur umsonst geschrecket: Man wird ihn wieder bald mit fremder pracht bedecket

Und räuberey gespickt durch alle gassen gehn Und GOtt der ihn doch haßt verzweiffelt pochen sehn. Indeß daß Pelletier den todten knochen gleichet Und stets von einer thür zur andern betteln schleichet

Der doch die kunst versteht die ieder kluger ehrt Und Monmaur eher zeit hat in Paris gelehrt. Zwar unser könig zieht zu unserm grossen glücke Den schwachen Phöbus noch aus dem spital zurücke

Erhält ihn für dem fall und wirfft bey krieg und ruh Den Musen offtermals geneigte blicke zu. Man weiß daß dieser held bloß nach verdienst erhebet: Was aber hilfft August wo kein Mecänas lebet?

Wer wolte sich doch wohl bey meiner schweren pein So viel erniedrigen und meine stütze seyn? Und wär auch dieses gleich; wie bräch ich durch den hauffen Der reimer die ihn meist aus hunger überlauffen

Die stets die ersten sind wo seine hand sich rührt Und stehlen was doch offt dem letzten nur gebührt. Gleichwie die wespen thun die selber nichts verdienen Und doch den honigseim der arbeits-vollen bienen

In ihren rachen ziehn. Drum habet gute nacht Gewinste weil ihr nur verwegne glücklich macht. Amandus hatte nichts als seine kunst zum besten Sein gut und erbtheil war ein rock mit einer westen

Ein blat wo fiat stund ein bett’ ein strümpffchen lichts Und endlich kurtz gesagt: Amandus hatte nichts. Als er nun müde war sein leben so zu führen Dacht er durch dieses nichts dem glücke nachzuspüren

Und kam zu einer zeit bey hofe voller wahn Mit einer gantzen last von schönen versen an. Wie lieff es aber ab? Er kam mit schimpffe wieder Warff voller schand und spott sich auf das bette nieder

Und seuffzte biß zuletzt das fieber und der gram Noch eh’ er hungers starb ihn von der erde nahm. Poeten waren zwar vordem bey hofe mode; Heut aber schmecken sie der welt nach narren-sode.

Schreib einer noch so klug und mit der grösten müh So hat er doch nicht mehr das glück des Angeli. Was soll ich denn nun thun mein elend einst zu enden? Soll ich vom Helicon zum Bartolus mich wenden?

Und Louets buch durchgehn das so viel zäucker macht? Wie? oder soll ich gar in einer langen tracht Den advocaten-saal mit meinem rocke kehren? Ach! dieses blosse wort kan meinen muth verzehren.

Ich? solt ein anwald seyn in dieser wilden stadt? Wo die gerechtigkeit längst ihren abschied hat; Die unschuld betteln geht und bey so vielen rechten Ein ieder mit gewalt das unrecht will verfechten;

Wo man das schwartze weiß weiß schwartz zu machen sinnt; Wo Patru weniger als Mazier gewinnt Und zungen-drescher offt den Cicero beschämen? Ha! eh’ ein solcher schluß soll meinen sinn einnehmen

Eh soll auf sanct Johann das wasser eiß und stein Arnaud ein Huguenot Pavin ein heuchler seyn. Wolan! so last uns denn diß freche land verlassen Wo glück und redligkeit sich unauffhörlich hassen:

Wo laster schand’ und list mit voller macht regiert Die falschheit cron und schwerd betrug den scepter führt: Wo man die wissenschafft verfolget drücket plaget Und als ein huren-kind von hauß und hoff verjaget:

Wo man auff nichts mehr denckt als wie man stehlen will: Wo alles mich verdreust: wo ‒ ‒ doch ich schweige still. Wer ist nun wohl so kalt der ob so groben sünden Wenn er sie täglich sieht nicht solte zorn empfinden?

Und dem nicht wenn er sie mit ernste durch-wil ziehn Auch ohne Phöbus krafft die besten reime blühn? Nein nein so offt man sich hierinnen sucht zu zeigen So darff man nicht wie sonst auff den Parnassus steigen:

Apollo darff auch nicht erst unser helffer seyn; Denn was er sagen kan giebt schon der eifer ein. Sieh’ da spricht mancher hier du fängest an zu rasen. So hohe redens-art schmeckt nach gelehrten hasen.

Geh’ auf die cantzel hin und jückt dich ja das maul So mache da das volck durch deine reden faul. Da kanst du was du wilst gut oder übel sprechen. So schwatzt ein blinder narr den meine schrifften stechen.

Der bey der thorheit sich gantz klug und sicher acht Wenn er fein höhnisch nur mein ernstes thun verlacht Der bald den himmel pocht bald wie die frösche zittert Der GOtt nicht eher kennt biß er ein fieber wittert

Und keine hand auffhebt als wenn es knallt und blitzt; So bald es aber klar schon wieder spotten sitzt. Denn daß ein solcher mensch alsdenn zu dencken pflege Daß GOtt durch seine macht den bau der welt bewege

Und daß nach dieser zeit ein ander leben sey Wird er zum wenigsten bey seiner pralerey Doch mündlich nicht gestehn: ich aber der ich gläube Daß keine seele sterb’ und GOtt den donner treibe

Befinde daß ich mich von hier entfernen soll. Wohlan! ich weiche denn. Paris gehab dich wohl!

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