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1616–1679

Der LXXIV Psalm.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Herr! warum müssen wir so gar verstossen seyn? Erbarmest du dich nicht der schafe deiner weide? Kommt dir dein eigenthum, dein Zion, nicht mehr ein? Ist unser untergang ein aufgang deiner freude?

Verstössest du das volck, so du erwehlet hast? Tritst du Jerusalem und Jsrael mit füssen? Ach GOtt! dein heiligthum und unser lust-pallast Wird von der feinde sturm erbärmlich umgerissen.

In deinen schulen brüllt der heyden läster-geist. Kanst du den götzen-dienst in deinem tempel schauen? Dein nahme wird entweiht, und dein altar zerreist. Schau! wie die rasenden in bänck und pfosten hauen.

Die freche grausamkeit brennt alle häuser aus, Wo vor kein ander wort, als dein gesetz, erschollen: Der schulen hohe pracht ist nichts als ziegel-graus: Wir sehn kein zeichen mehr, auf das wir mercken sollen.

Die priester bleiben stumm, und der prophete schweigt. O GOtt! wie lange soll der widersacher toben? Dein knecht muß untergehn, und, der dich lästert, steigt, Und hat sich über dich und deinen berg erhoben.

Warum entzeuchst du uns den beystand deiner hand? Was soll der götzen-schwarm in deinem tempel machen? Wiewohl! du bleibst doch GOtt, der das bedrängte land Durch treuen arm erhält, wenn gleich die pfeiler krachen.

Du bist von alters her mein könig, der mich schützt: Du kanst auch alles thun, du kanst der see gebieten: Und wenn dein starcker zorn mit seinem donner blitzt, So muß der drachen-kopff so blut als gifft verschütten.

Kein wallsisch steht für dir, er muß zu grunde gehn, Und in der wüsteney dem volcke speise bringen. So bald dein mund gebeut, so müssen ströhme stehn, Und aus der felsen höh die schönsten bäche springen.

Du giebst uns tag und nacht, und lässest in der welt Die sternen ihren lauff, die länder grentzen haben: Machst, daß der warme lentz des winters eiß zerschellt, Und daß die menschen sich im herbst und sommer laben.

Nun, so gedencke doch, HErr! an dein eigenthum, Und laß den stoltzen feind dich nicht vergebens spotten! Vertheidige dein volck, errette deinen ruhm, Und säume dich nicht mehr, die götzen auszurotten!

Vergiß der armen nicht, so deine kinder sind! Laß deine turtel-taub erwünschte zuflucht finden! Mach alle wölffe lahm, und alle feinde blind! Und weide deine herd in wohl bedeckten gründen!

Gedenck an deinen bund, und laß dein Zion nicht! Denn das sonst schöne land ist jämmerlich verheeret: Die häuser sind zerstört, der mauer stärcke bricht: Und die bevolckte stadt ist meistens ausgeleeret.

Laß den geringen nicht verächtlich untergehn! Weil seine lippen stets von deinem lob erschallen. Herr! führe selbst dein recht, und laß das spött-gethön, Und die verdammte schmach auf ihre stiffter fallen!

Vergiß der feinde nicht, und denck an ihr geschrey! Die höllen-gleiche wuth giebt sich noch immer blösser. Drum zeige, was dein arm und was dein nahme sey; Sonst wird ihr übermuth von tag zu tage grösser.

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