Skip to content
1616–1679

Das dritte capitel.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Wie selig ist ein mensch, der aus der wahrheit munde Das wort des lebens lerut, und sie selbst reden hört. Von menschen wird der mensch doch nicht so wohl ge- lehrt.

Und von ihm selber kommt kein hertze bis zum grunde. Ach waruni zancken wir um dinge, die subtil Und doch nichts nütze sind? da GOtt um solcher willen, Den, der sie gleich nicht weiß, doch nicht verdammen will.

Denn GOtt sieht auf das hertz, und nicht auf unsre grillen. Wir aber gehn dennoch und kümmern uns um sachen, Die doch mehr unser schad, als unser nutzen sind. So bleibt der tolle mensch bey heller sonne blind.

Ach last uns doch einmal von diesem schlaf erwachen! Die streit- und rede-kunst gilt hier wahrhafftig nicht. Von solchen eltern wird die wahrheit nicht gebohren, Wo nicht des Lichtes wort des hertzens nebel bricht,

Und allen irrthum dämpfft, so gehen wir verlohren. Denn alle dinge sind aus einem Wort entsprossen, Und alles lehret uns zu diesem Worte gehn. Wer dieses nicht vernimmt, der kan auch nichts verstehn,

Weil es der anfang ist, aus dem der witz geflossen. Drum wer in allen dich, und alles in dir liebt, Der mag von dir, o Wort! du brunnen aller gaben! Wohl einen festen sinn, der sich im guten übt,

Und ein in GOtt vergnügt und ruhig hertze haben. Drum, o du einige, du ewig-lichte Wahrheit! Vereinige mich doch mit dir in deiner brunst! Was ich sonst les’ und hör’, ist freylich nur ein dunst

Vor deines Geistes krafft, und deines wortes klarheit. Was meine seele wünscht, das find’ ich blos in dir. Drum schweigt, ihr Lehrer! schweigt! und alle welt sey stille! Du aber red’ allein, ach red’ allein zu mir,

Damit nichts, als dein wort des hertzens grund erfülle. Je mehr man in ihm selbst der einfalt sich befleißet, Und aus der äusern welt in sein gewissen geht, Je tiefre dinge man ohn alle müh versteht,

Weil GOtt den niedrigen licht und verstand verheißet. Ein geist, der lanter ist, und an der einfalt hält, Läst durch geschäffte sich nicht hin und her zerstreuen, Er flieht den eigen-ruhm, verleugnet neid und welt,

Und will sich über nichts, als GOttes ehr erfreuen. Wer mit der creutzigung der wilden lüste säumet; Der macht ihm seine last unüberwindlich groß. Drum giebt ein frommer mensch von aussen sich nicht blos,

Er habe denn zuvor innwendig aufgeräumet. Die böse neigung muß durchaus getödtet seyn, Und deine liebe sich nach der vernunfft regieren. Denn der begierden sturm reißt alle tugend ein,

Und läst das hertze nicht die sanffte wahrheit führen. Das muß ich wol gestehn: Sich selber überwinden, Ist vor den zarten sinn der schwerste krieg und streit. Indessen must du dich aus GOttes krafft bereit,

Und niemals träg und faul, zu solchem kampffe finden. Das soll die arbeit seyn, davon wir itzt nicht ruhn. Der mensch muß tag vor tag sich in dem HErren stärcken; Denn hier ist keine ruh, wir haben stets zu thun;

Dort aber ruhen wir von allen unsern wercken. Was uns vollkommen scheint, ist dennoch unvollkommen. Der helleste verstand hat gleichwol nacht und dunst. Die selbst-erkenntniß ist weit über alle kunst.

Wohl diesem, der von sich die masqve weggenommen, Und seine nichtigkeit in demuth zugesteht! Denn wahre demuth ist die rechte Jacobs-leiter. Ein pharisäer fällt, ie mehr er sich erhöht,

Wer sich erniedriget, der kommt bey GOtt viel weiter. Ich habe mit dem wahn der thoren nichts zu schaffen, Da alle wissenschafft und kunst verworffen heist. Was GOtt verworffen hat, verdammt kein guter geist,

Doch wenn wir alle kunst und witz zusammen raffen, So sind sie dennoch nicht der tugend vorzuziehn: Ein gut gewissen ist weit besser, als viel wissen. Und die sich sonst um nichts, als um verstand bemühn,

Die werden von dem strom des irrthums hingerissen. Ach daß man sich so sehr der heiligung beflisse, Der wahren heiligung, die reine früchte trägt, Als man sich auf gezänck und leere fragen legt;

So wären in der welt nicht so viel ärgernisse! Allein die frömmigkeit hat vor uns gute ruh, Dieweil sie mehrentheils nicht große titel bringet; Drum eilet man der welt, und ihren schulen zu,

Wo Aristoteles von eitler ehre singet. Doch, wird der Richter auch an jenem tage fragen, Wie viel du disputirt und durchgelesen hast? Nein! sondern ob du auch dem HErren seine last

In creutzigung der welt geduldig nachgetragen. Wo ist die excellentz, die vor nicht langer zeit Auf der catheder stund und sich so hoch vermessen? Jm leben macht er sich mit vielem wissen breit;

Jtzt aber, da er liegt, ist seiner schon vergessen. Wie bald vergeht der ruhm, den uns die welt gegeben: Ach hättest du so gut gelebt, als disputirt, So spräche man mit recht: Er hatte wohl studirt.

Denn wie viel menschen sind, die nach dem schatten streben, Und in der nichtigkeit der eitlen kunst vergehn. Gott läst sich nur durch lieb’ und tiefe demuth finden; Sie aber suchen sich durch klugheit zu erhöhn,

Bis sie mit ihrem wahn, als wie ein rauch, verschwinden. Der ist alleine groß, wer nicht nach ehre trachtet, Klein in ihm selber ist, und große liebe weist. Der ist ein kluger geist, der das, was irdisch heißt,

Und nur das fleisch ergetzt, vor koth und treber achtet, Weil er sonst keinen schatz, als JEsum, liebt und sucht. Und wer des HErren wort vor seine beste speise In seinem leben hält, den eigensinn verflucht,

Und GOtt gehorchen lernt, der ist wahrhafftig weise.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Das dritte capitel. · Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau · Poetry Cove