Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
Kommt! seelen die ihr euch der tugend sclaven nennt Die ihr der gottesfurcht als mutter aller tugend Ohn heuchel-schein geweiht die blumen eurer jugend Da auch der jahre schnee von andachts-flammen brennt!
Jhr die das kleen-blat der himmlischen geschwister Glaub lieb und hoffnung schreibt in ihr geschlechts-register. Kommt! die des glückes arm weit übern pöbel trägt Daß ihr vom Apennin der höchsten ehren schauet
Wie eurer hoheit man altar und tempel bauet Wie man haupt mund und hand zu euren knien legt. Weil GOtt und käyser euch hat cronen auffgesetzet Dargegen gold und stein wird koth und staub geschätzet.
Kommt! ihr die weißheit hat den sternen beygesellt So daß die welt euch trägt auf blättern und auf zungen Nachdem sich euer witz biß an den pol geschwungen; Ja rechnung mit der zeit buch mit dem himmel hält
Und als durch prophecey läst in die welt erschallen Ob diß und jenes hauß wird stehen oder fallen? Kommt! die ihr habt erlernt das hertzen-regiment Und durch ein kluges wort mehr seelen könt bezwingen
Als strick und feuer nicht noch scharff-geschliffne klingen Und was recht und gewalt hat fürsten zuerkennt. So daß ein helden-hertz in frauen-händen lieget Und zeigt wie sanfftmuth hat dem stärcksten obgesieget.
Kommt! die ihr euch berühmt von häuß- und wirthligkeit Weil ihr in Thekoa zur schulen seyd gegangen Und mit dem ehren-ruhm Abigails könt prangen Jhr derer keuschheit rufft Zenobien zum streit;
Die ihr in kinder-zucht den adlern abgewonnen Und eure jungen führt tag-täglich zu der sonnen. Kommt! die ihr alles könt was kunst und tugend heist So daß das buch der welt vor euren ruhm zu enge
Eur lob unzehlbarer denn selbst der sternen menge Daß zung und feder stümpfft den himmel-hohen geist; Kommt! ich beschwer euch hier bey him̃el geist und sternen Sagt und bekennet mir: habt ihr auch sterben lernen?
Jhr wist: an diesem punct hengt ja die ewigkeit! Laßt euren lebens-lauff in demant-taffeln stechen Wird nicht ein rühmlich tod mit in der sache sprechen So liegt im augen-blick der bau undenckb’rer zeit.
Wer in der hohen schul will doctor-würd’ erlangen Der pflegt das grosse buch von hinten anzufangen. Kommt denn! und nähert euch der grossen Gräfin grufft Last ehrerbötigkeit euch ja hieher begleiten
Wer bös’ und lasterhafft der komm auch nicht von weiten Hier ist ein heilig ort und GOtt-geweihte klufft; Hier wird ein stummer mund die kunst der künste zeigen Daß Plato Socrates und Stagirite schweigen.
Trat je ein frauen-bild auff dieses rund der welt Das man den sammel-platz mag aller tugend nennen Wo stand und weißheit sich als rechte schwestern kennen Dem mensch und engel selbst die wahre lob-schrifft stellt
Daß sie vom tugend-circk der mittel-punct gewesen So kan man glaubet! diß von unsrer Gräfin lesen. Vor ihre gottesfurcht zeugt tempel und altar Ja der gemeinden schmertz rufft allen in die ohren:
Ach! unsre kirche hat die priesterin verlohren Die mit dem Höchsten hier stets in den waffen war; Und das gemeine heyl dem himmel abgedrungen Weil thränen und gebet den Höchsten offt bezwungen.
Die hoheit ihres stamms ist allzu hoch vor mich Mein schwaches lob-lied muß vor dieser würde schweigen Vor diesen demant muß mein kiesel-stein sich neigen; Doch nimt der zeiten buch die mühe selbst auff sich
Und läst (besinn ichs recht?) von ihr die nachwelt lesen: Hört! wie manch kluger mund von ihrer weißheit spricht? Die redner sind bemüht die todte zu beleben Will sie was erde war der erden wieder geben.
Kennt doch ihr himmlisch geist auch ietzt die erde nicht. Es will der seelen-pfau sie nach gebühr erhöhen: Denn was von sternen kam muß auch bey sternen stehen. Der ungemeine zug so seelen fesseln kan
War von dem himmel ihr zur eigenschafft geschencket; Und dieses ists was ietzt in seelen-leid versencket Das kleinod Schlesiens des Käysers theuren Mann Den Grafen und Gemahl so thränend aus-will sagen:
Mein Agnes hat mein hertz in ihrer hand getragen. Der Gräflich-hohe stamm und was darzu sich zehlt Durch blut und freundschaffts-pflicht durch eyd und treu Fühlt allgemeinen schmertz trägt allgemeine wunden
Der sonder gleich Anthon die töchter so vermählt Entdecken aller welt durch seuffzer ach und zähren Daß sich ihr Canaan in Mara will verkehren! Kurtz! was die kluge welt vor kunst und tugend schätzt
Ja alles was man kan von helden-frauen hoffen Ward bey der seligsten vollkommen angetroffen: Doch hat sie alles diß weit unten hin gesetzt. Sie wünschte diesen ruhm vor allen zu erwerben:
Daß sie der künste kunst gelernet wohl zu sterben! Kommt sterbliche! und last der Gräfin düstres grab Dem düstrenden verstand zu licht und sonne werden Sie war indem sie war ein sonnen-bild auf erden
Das seinen tugend-strahl durch städt und länder gab. Doch lernt ihr himmlisch geist bey guter zeit verstehen: Die lebens-sonne könn’ im auffgang untergehen. Drum war ihr gantzes thun gerichtet auff den todt
Ins lebens mittel-punct begunte sie zu sterben Sie ließ beym purpur ihr die todten-baare färben Und macht aus myrrhen sich ein süsses himmel-brod. Dem Heiland wiese sie stets die gefaltnen hände
Und bat durch seinen todt ein sanfft und selig ende. Ein vater der sein kind liebt als sein eigen blut Pflegt was es von ihm heischt demselbten zu gewähren So lebt es denn vergnügt es spart die heissen zähren.
Schaut! was der grosse GOtt an diesem kinde thut? Die seele die ihm ist vermählt durchs glaubens kette Die holt er aus der kirch in Edens hochzeit-bette! Die selig-todte will von ihrer arbeit nun
Von tugend gottesfurcht und tausend liebes-wercken Dabey sie GOtt und mensch ließ ihren glauben mercken Nach vieler jahre müh im schooß der mutter ruhn: Sie will indem sie stirbt die sterbens-kunst uns lehren
Auf! sterbliche! last uns diß still’ oracul hören! Der gute leimund spricht für sie die wörter aus Jhr ruhmbar lebens-lauff ihr noch mehr rühmlich ende Kirch schulen hospital ja stein und stumme wände
Beschreiben ihren ruhm; den nicht das todten-hauß Bedeckt: denn auch die krufft ihr wird zum ehren-tempel Und sie auch sterbende der lebenden exempel. Ich schweige; denn itzt tritt glaub lieb und hoffnung auf
Sie schlagen an die brust sie rauffen ihre haare Mit thränen netzen sie der theuren schwester baare Sie küssen ihren stein; die gottesfurcht schreibt drauff: Verwesung! zähme dich! du solt kein recht hier haben
Mein hertz und auge liegt in dieser grufft begraben.
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