Ludwig Christoph Heinrich Hölty
Bis dass der Himmel graute, Und man beim ersten Sonnenblick Ein grünes Eiland schaute. Es lag im Süderozean
Seit lieben langen Jahren, Wo weder Cook noch Magellan Noch Dampier gefahren. Sie traten in ein Paradies,
Wo Freud' und Wollust lauschte, In jedem Frühlingslüftchen blies, In jeder Quelle rauschte. Das war euch traun ein Luftgefild!
Rings lachten bunte Flächen, Rings zitterte das goldne Bild Der Sonn' in hundert Bächen. Die Weste flüsterten vertraut
Und raubten jungen Veilchen, Wie der Geliebte seiner Braut, Auf jeder Wiese Mäulchen. Es blühte rings im Zauberglanz
Die Hiazint' und Rose; Es trug und blühte Pomeranz' Und Pfirsch' und Aprikose. Musik entströmte sonder Rast
Den kühlen Rebenlauben; Es herzten sich auf jedem Ast Verliebte Turteltauben. Es sprang, poz Stern, da möcht' ich sein!
Im Schatten grüner Hecken, Der feurigste Burgunderwein, In weite goldne Becken. Es ragt' ein prächtiger Pallast,
Erbauet aus Türkisen, Mit Gold' und Perlen eingefasst, Auf angenehmen Wiesen. Die Treppen waren aus Achat;
Die weiten Flügelthüren, Durch die man in den Pallast trat, Aus blizenden Saffiren. Das Dach und auch der Wetterhahn,
Wie leichtlich zu erachten, Von feinem Gold' aus Hindostan, Besezet mit Smaragden. Ein wunderbares Feienschloss,
Bei welchem sonder Zweifel, Der es erbaut, viel Schweiss vergoss, Gott sey bey uns, der Teufel! Ein grosser tapezirter Saal
Ging mitten durchs Gebäude, Mit Schildereien ohne Zahl: Die schönste Augenweide! Von Rafael und Tizian,
Hier eine nackte Lede, Dort Vater Zeus mit ihr als Schwan In einer Liebesfehde; Der Grossultan, der Perser Schach,
Im Zirkel ihrer Frauen; Ein lustig Karnevalgelag, Gar lieblich anzuschauen; Der Muselmänner Himmelreich
Voll niedlicher Figuren; Ein grüner Wald, im Wald' ein Teich Voll Badeposituren. Sie lebten hier als Frau und Mann
Am grünen Meergestade, Und tranken, wenn der Tag begann, Bald Thee, bald Schokolade; Und hielten im Gemäldesaal,
Von dem wir euch erzählten, Das Frühstück und das Mittagsmahl, Dem keine Reize fehlten. Die Speisen kamen auf den Wink
Der Unholdin von selber: Es flogen, wann sie schellte, flink Gebratne Tauben, Kälber, Kapaun' und Hasen auf den Tisch,
Lampreten und Forellen, Und ein possierliches Gemisch Von Austern und Sardellen. Nicht minder kam
Viel Backwerk angeflogen, Pasteten, Torten, Mandelbrot, Dass sich die Tafeln bogen. Das grosse goldne Deckelglas,
Gefüllet mit Tockaier, Goss ihre Kehlen weidlich nass, Und in die Adern Feuer. Sie spielten alle Nachmittag,
Nach eingenommnem Mahle, In einer Sommerlaube Schach, Und assen kalte Schale; Und gingen, wann das Abendroth
Durch ihre Laube blinkte, Zum Pallast, wo das Abendbrot In goldnen Schüsseln winkte. Sie irrten, wann der Mondenschein
Den Wald mit Silber deckte, Vertraulich durch den Mirtenhain, Wo mancher Vogel heckte, Und sezten sich auf zartes Grün,
Bedeckt von Mirtenästen, Durch die der schöne Vollmond schien, Umscherzt von lauen Westen. Sie ruhten, Brust an Brust gedrückt,
Und was sie weiter thaten — Der schöne Vollmond hats erblickt; Ich kann es nicht errathen! Ein süsses klatschendes Getön
Scholl aus den Mirtenbüschen; Die Vögel sangen wunderschön Ein Minnelied dazwischen. Der West, der im Gesträuche war,
Goss einen Blütenregen Voll Abendduft, bald um ihr Haar, Bald ihrer Brust entgegen. Sie trippelten mit trübem Blick,
Und Gras und Staub in Haaren, Nach ihrem Zauberschloss zurück, Wo weichre Polster waren; Und lasen, wann sie sich gesezt,
Zur Zeit des Schlafenlegens, Rosts schöne Nacht zu guter lezt, Anstatt des Abendsegens; Und schlüpften, wenn sie dies vollbracht,
Zum Ruhekabinette. Wir wünschen ihnen gute Nacht, Und gehen auch zu Bette.
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