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1762

Maylied

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Heil dir lächelnder May, Blumenschöpfer, Herzenfeßler, Wecker des Vergnügens,

Heil dir lächelnder Blüthenmond! Er beschwebet die Flur, Streuet Veilchen, Schlüßelblumen,

Weiße Mayenglocken, Streut sein goldenes Füllhorn leer. Löst die Haare des Hains, Hüllt den Schlehstrauch,

Hüllt den Hagdorn, Der den Garten zäunet, Hüllt den Kirschbaum in Blüthenschnee. Schaut, er tanzet heran,

Schaut, des Kirschbaums Wipfel säuseln Ein Gewölk von Silber Um sein wehendes Lockenhaar.

Wie der Apfelbaum nickt! Roth und weiße Blüthen purpern Seinen grünen Wipfel,

Purpern alles Gezweig' umher. Bien' auf Biene durchsummt Bald die Blümchen Unterm Baume,

Bald die Wipfelblüthen, Die der Morgen mit Gold bemalt. Tief im bunten Gewölk, Das die rothen

Apfelblüthen Um die Wipfel wölken, Tönt die Kehle der Nachtigall. Strömt in Liedern dahin,

Tönt den Jüngling, Der am Busen Seiner Gattin schlummert, Aus den Armen des Morgenschlafs.

Seht, er wandelt mit ihr Durch den Garten, Wo die Sonne, Wo der blaue Himmel

Durch die röthlichten Blüthen bebt. Helle Morgenmusik Strömt vom Wipfel. Ihre Herzen

Tanzen nach den Fugen, Die der schmelzende Vogel tönt. Nachtigallenmusik Wirbelt Schlummer,

Süßen Schlummer Über ihre Häupter, Wenn die Stunde der Ruhe kommt. Hespers lächelndes Aug

Blicket neidisch Durch die Fenster, Und die Nachtigallen Tönen fröhlichen Brautgesang.

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