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1776

Maygesang

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Röther färbt sich der Himmel! Eine goldene Wolke Thaut den May und die Liebe Auf die wartende Flur herab!

Sein allmächtiges Lächeln Giebt dem Strauche die Blätter, Giebt dem Baume die Knospen, Und dem Haine den Lenzgesang.

Seinen Tritten entwimmeln, Grüne, lachende Kräuter, Tausendfarbige Blumen, Purpur, Silber und lichtes Gold.

Seine Tochter, die Liebe, Baut dem Vogel die Nester, Paaret Blumen und Blüthen, Führt die Männin dem Manne zu.

Liebe rauschen die Blätter, Liebe duften die Blüthen, Liebe rieselt die Quelle, Liebe flötet die Nachtigall.

Nachtigallen die wirbeln Auf das Lager des Jünglings Goldne Träume der Liebe, Goldne Träume von Kuß und Spiel.

Und er spielet im Traume Mit dem bebenden Busen Seiner schönen Geliebten, Küßt den rosigen lieben Mund.

Lauben klingen von Gläsern, Lauben rauschen von Küßen, Und von frohen Gesprächen, Und vom Lächeln der Liebenden.

Ringsum grünen die Hecken, Ringsum blühen die Bäume, Ringsum zwitschern die Vögel, Ringsum summet das Bienenvolk.

Roth und grün ist die Wiese, Blau und golden der Aether, Hell und silbern das Bächlein, Kühl und schattig der Buchenwald.

Das Geklingel der Heerden Tönt vom Thale herüber, Und die Flöte des Hirten Weckt den schlummernden Abendhayn.

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