Ludwig Christoph Heinrich Hölty
Glich unter allen Schönen, Hier unterm Mond, das ist gewiss, Kein Mutterkind Ismenen. Sie war nur eben achzehn Jahr,
Ein Mädchen zum Entzücken, Mit runder Brust und blondem Haar, Und Adel in den Blicken. Ihr Wuchs, voll Reiz und Majestät,
War gleich der schlanken Maie; Die Wange junger Rosen Röth', Ihr Auge Himmelbläue. Der Mund, ein blühend Paradies,
War sonder alle Mängel; Und wann sie sang, so klangs so süss, Als säng' ein heilger Engel. Die holde Schöne, denkt einmal,
That aber arge Thaten, Und muss vielleicht im Pful der Qual Izt kochen oder braten: Sie hexte Froschleich, Russ und Haar
Ins Butterfass des Küsters, Und zauberte voll Finnen gar Die Schweine des Magisters. Sie knüpfte manchem Ehepaar
Den Nestel als ein Meister, Und rief, wanns ihr gefällig war, Ein Rudel Höllengeister; Ritt, troz den besten Postkurier,
Auf ihrem Besenstiele, Und übergab den Winden ihr Geringelt Haar zum Spiele. Sie tanzte stets am ersten Mai,
Mit Blumen in den Locken, Den weissen Busen schleierfrei, Im Reigen auf dem Brocken. Dann pflag der alte Satanas
Den süssen Herrn zu spielen, Und wann sie stand, und wann sie sass, Nach ihrer Brust zu schielen. Begierig küsst' er ihre Hand,
Als wollt' ers Händchen fressen, Und konnt' am schwarzen Feuerstrand Die Schöne nicht vergessen, Sandt' ihr so manches Billet doux
Durch seinen Hoflakaien, Schloss kaum die Augenwimper zu, Und träumte schon vom Freien. Allein Ismene lachte nur
Des grämlichen Pedanten, Und suchte sich, bald auf der Flur, Bald in der Stadt, Amanten. Sie sah einmal am Wiesenbach,
Wo manches Blümchen keimte, Leandern, der im Schatten lag, Und süsse Träume träumte. Er träumte von der Adelheid,
Mit der er sich versprochen, Daneben von der Seligkeit Der ersten Flitterwochen. Es sollte schon die Priesterhand
Ihn am Altar beglücken; Es schwebten Kranz und Brautgewand Im Traum vor seinen Blicken. Die Jungfraun flochten schon am Kranz,
Und übten sich zum Reigen; Es tönten schon zum Hochzeitstanz Die Flöten und die Geigen. Was meint ihr wohl? Die Unholdin
Trat vor den schönen Schläfer, Zupft' ihn am Ohr' und vorn am Kinn, Und rief: Wach auf, mein Schäfer! Sie hatte seines Mädchens Bild
Und Kleidung angenommen. Leander ward mit Freud' erfüllt, Und stotterte Willkommen. Er nannte sie: Mein lieber Schaz,
Mein Engelchen, mein Kindchen! Und gab ihr manchen Feuerschmaz Aufs kleine rothe Mündchen. Sie gingen endlich, Hand in Hand,
Der Kühlung zu geniessen, Zum Wald'; ein schöner Wagen stand Schnell neben ihren Füssen; Ein Kutscher, mit beseztem Rock
Und grämlicher Geberde, Sass majestätisch auf dem Bock, Und lenkte stolz die Pferde. Der Wagen war von Helfenbein,
Besezet mit Opalen. Kein Gallawagen ist so fein; Die Zaubrin konnts bezahlen! Sie stiegen in den Faeton;
Drauf rasselten die Schimmel Stracks über Stock und Stein davon Mit donnerndem Getümmel. Bald flogen sie gar himmelan,
Ein Wunder anzuschauen! Leandern, wie man denken kann, Begonn darob zu grauen. Wir wollen, wenn es euch beliebt,
Die Leute fliegen lassen, Und morgen, so Gott Leben giebt, Den Rest in Reime fassen.
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