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1772

An Daphnens Kanarienvogel

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Liebes Vögelein, ach, wie ruhig schläfst du, Dein gesunkenes Köpflein unterm Fittig; Träumst Gesänge des Tages, pickst aus Daphnens Schönen Händen ein Stücklein Zucker, oder

Was für herrliche Träume dich umgaukeln. Neidenswerther, ach, zehnmal neidenswerther Ist, o Vogel, dein Schicksal, als das meine! Nie umflattert des Schlummers Rosenfittig

Diese weinenden Augen. Daphne klopfet Mir in jeglichem heißem, lautem Herzschlag; Und die Wage der Götter wog uns Trennung. O was frommet mir solch ein Trauerleben!

O verwandelten mich die guten Götter In dieß Vögelein! O wie wollt ich Daphnens Busen zwitschernd entgegenflattern, mich auf Ihren Armen ein Weilchen wiegen, und auf

Ihrer Schulter ein Minneliedchen flöten! In die Saiten des Flügels wollt ich girren, Wann ihr fliegender kleiner Finger spielte, Bis ihr Mündlein mit einem Kuß mir dankte!

Dann, dann würd ich mit keinem Sultan tauschen, Wann auch hundert der schönsten Landesjungfraun Um die Ehre des seidnen Schnupftuchs buhlten! Traun, dann würden die Götter samt und sonders

Mich, im hohen Olymp, ein wenig neiden!

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