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1770–1843

Emilie an Klara .

Friedrich Hölderlin

Ich bin im Walde mit dem Vater draus Gewesen, diesen Abend, auf dem Pfade, Du kennest ihn, vom vor'gen Frühlinge. Es blühten wilde Rosen nebenan,

Und von der Felswand überschattet' uns Der Eichenbüsche sonnenhelles Grün; Und oben durch der Buchen Dunkel quillt Das klare flüchtige Gewässer nieder.

Wie oft, du Liebe! stand ich dort und sah Ihm nach aus seiner Bäume Dämmerung Hinunter in die Ferne, wo zum Bach Es wird, zum Strome, sehnte mich mit ihm

Hinaus — wer weiß wohin? Das hast du oft Mir vorgeworfen, daß ich immerhin Abwesend bin mit meinem Sinne, hast

Mir's oft gesagt, ich habe bei den Menschen Kein friedlich Bleiben nicht, verschwende Die Seele an die Lüfte, lieblos sey Ich öfters bei den Meinen. Gott! ich lieblos?

Wohl mag es freudig seyn und schön, zu bleiben, Zu ruhn in einer lieben Gegenwart, Wenn eine große Seele, die wir kennen, Vertraulich nahe waltet über uns,

Sich um uns schließt, daß wir, die Heimatlosen, Doch wissen, wo wir wohnen. Gute! Treue! Doch hast Du recht. Bist denn Du nicht mir eigen?

Und hab' ich ihn den theuern Vater nicht, Den Heiligjugendlichen, Vielerfahrnen, Der, wie ein stiller Gott auf dunkler Wolke, Verborgenwirkend über seiner Welt

Mit freiem Auge ruht? und wenn er schon Ein Höher's weiß, und ich des Mannes Geist Nur ahnen kann, doch ehrt er liebend mich, Und nennt mich seine Freude, ja! und oft

Giebt eine neue Seele mir sein Wort. Dann möcht' ich wohl den Segen, den er gab, Mit Einem, das ich liebte, gerne theilen. Und bin allein — ach! ehmals war ich's nicht!

Mein Eduard! mein Bruder! denkst du sein Und denkst du noch der frommen Abende, Wenn wir im Garten oft zusammensaßen Nach schönem Sommertage, wenn die Luft

Um unsre Stille freundlich athmete, Und über uns des Aethers Blumen glänzten? Wenn von den Alten er, den Hohen! uns Erzählte, wie in Freude sie und Freiheit

Aufstrebten, seine Meister? Tönender Hub dann aus seiner Brust die Stimme sich, Und zürnend war und liebend oft voll Thränen Das Auge meinem Stolzen; ach! den letzten

Der Abende, wie nun, da Großes ihm Bevorstand, ruhiger der Jüngling war, Noch mit Gesängen, die wir gerne hörten, Und mit der Zither uns die Trauernden

Vergnügt'! Ich seh' ihn immer, wie er gieng. Nie war er schöner kühn, die Seele glänzt' Ihm auf der Stirne, dann voll Andacht trat

Er vor den alten Vater. Kann ich Glück Von dir empfangen! sprach er, heil'ger Mann! So wünsche lieber mir das größte, denn Ein anderes! und betroffen schien der Vater.

Wenn's seyn soll, wünsch' ich dir's, antwortet' er. Ich stand beiseit, und wehemüthig sah Der Scheidende mich an und rief mich laut; Mir bebt' es durch die Glieder, und er hielt

Mich zärtlich fest, in seinen Armen stärkte Der Starke mir das Herz, und da ich aufsah Nach meinem Lieben, war er fortgeeilt. „ein edel Volk ist hier auf Korsika;“

Schrieb freudig er im letzten Briefe mir, „wie wenn ein zahmer Hirsch zum Walde kehrt „und seine Brüder trifft, so bin ich hier, „und mir bewegt im Männerkriege sich

„die Brust, daß ich von allem Weh genese. „wie lebst Du, theure Seele! und der Vater? „hier unter frohem Himmel, wo zu schnell „die Frühlinge nicht altern, und der Herbst

„aus lauer Luft die goldnen Früchte streut. „auf dieser guten Insel werden wir „uns wiedersehen; dieß ist meine Hoffnung. „ich lobe mir den Feldherrn. Oft im Traum'

„hab' ich ihn fast gesehen, wie er ist, „mein Paoli, noch eh' er freundlich mich „empfing und zärtlich vorzog, wie der Vater „den Jüngstgebornen, der es mehr bedarf.

„und schämen muß ich vor den andern mich, „den furchtbarstillen, ernsten Jünglingen. „sie dünken traurig dir bei Ruh und Spiel; „unscheinbar sind sie, wie die Nachtigall,

„wenn von Gesang sie ruht; am Ehrentag' „erkennst Du sie. Ein eigen Leben ist's! — „wenn mit der Sonne wir, mit heil'gem Lied' „heraufgehn übern Hügel, und die Fahnen

„in's Thal hinab im Morgenwinde wehn, „und drunten auf der Ebne fernher sich, „ein gährend Element, entgegen uns „die Menge regt und treibt, da fühlen wir

„frohlockender, wie wir uns herrlich lieben; „denn unter unsern Zelten und auf Wogen „der Schlacht begegnet uns der Gott, der uns „zusammenhält.

„wir thun, was sich gebührt, „und führen wohl das edle Werk hinaus. „dann küßt ihr noch den heimathlichen Boden, „den trauernden, und kommt und lebt mit uns,

„emilie! — Wie wird's dem alten Vater „gefallen, bei den Lebenden noch Einmal „zum Jüngling aufzuleben und zu ruhn „in unentweihter Erde, wenn er stirbt.

„denkst du des tröstenden Gesanges noch, „emilie, den seiner theuern Stadt „in ihrem Fall der stille Römer sang, „noch hab' ich Einiges davon im Sinne.

„klagt nicht mehr! kommt in neues Land! so sagt' er. „der Ocean, der die Gefild' umschweift, „erwartet uns. Wir suchen selige

„gefilde, reiche Inseln, wo der Boden „noch ungepflügt die Früchte jährlich giebt, „und unbeschnitten noch der Weinstock blüht, „wo der Olivenzweig nach Wunsche wächst,

„und ihren Baum die Feige keimend schmückt, „wo Honig rinnt aus hohler Eich' und leicht „gewässer rauscht von Bergeshöhe. Noch Manches „bewundern werden wir, die Glücklichen.

„es sparte für ein frommes Volk Saturnus Sohn „dieß Ufer auf, da er die goldne Zeit „mit Erze mischte. — Lebe wohl, du Liebe!“ Der Edle fiel des Tags darauf im Treffen

Mit seiner Liebsten Einem, ruht mit ihm In Einem Grab! In deinem Schoose ruht Er, schönes Korsika! und deine Wälder

Umschatten ihn, und deine Lüfte wehn Am milden Herbsttag freundlich über ihm, Dein Abendlicht vergoldet seinen Hügel. Ach! dorthin möcht' ich wohl, doch hälf' es nicht.

Ich sucht' ihn, so wie hier. Ich würde fast Dort weniger, wie hier, mich sein entwöhnen. So wuchs ich auf mit ihm, und weinen muß ich Und lächeln, denk' ich, wie mir's ehmals oft

Beschwerlich ward, dem Wilden nachzukommen, Wenn nirgend er beim Spiele bleiben wollte. Nun bist du dennoch fort und lässest mich Allein, du Lieber! und ich habe nun

Kein Bleiben auch, und meine Augen sehn Das Gegenwärtige nicht mehr, o Gott! Und mit Phantomen peiniget und tröstet Nun meine Seele sich, die einsame.

Das weißt du, gutes Mädchen! nicht, wie sehr Ich unvernünftig bin. Ich will dir's all' Erzählen. Morgen! Mich besucht doch immer Der süße Schlaf, und wie die Kinder bin ich,

Die besser schlummern, wenn sie ausgeweint.

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