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1770–1843

Der Rhein .

Friedrich Hölderlin

Im dunkeln Epheu saß ich, an der Pforte Des Waldes, eben, da der goldene Mittag Den Quell besuchend, herunterkam Von Treppen des Alpengebir'gs,

Das mir die göttlichgebaute, Die Burg der Himmlischen heißt Nach alter Meinung, wo aber Geheim noch Manches entschieden

Zu Menschen gelanget; von da Vernahm ich ohne Vermuthen Ein Schicksal, denn noch kaum War mir im warmen Schatten

Sich Manches beredend, die Seele Italia zugeschweift Und an die Küsten Morea's. Jetzt aber, drinn im Gebirg,

Tief unter den silbernen Gipfeln, Und unter fröhlichem Grün, Wo die Wälder schauernd zu ihm Und der Felsen Häupter übereinander

Hinabschaun, taglang, dort Im kältesten Abgrund hört' Ich um Erlösung jammern Den Jüngling, es hörten ihn, wie er tobt',

Und die Mutter Erd' anklagt', Und den Donnerer, der ihn gezeuget, Erbarmend die Eltern, doch Die Sterblichen flohn von dem Ort,

Denn furchtbar war, da lichtlos er In den Fesseln sich wälzte, Das Rasen des Halbgotts. Die Stimme war's des edelsten der Ströme,

Des freigeborenen Rheins, Und Anderes hoffte der, als droben von den Brüdern, Dem Tessin und dem Rhodanus,

Er schied und wandern wollt', und ungeduldig ihn Nach Asia trieb die königliche Seele. Doch unverständig ist Das Wünschen vor dem Schicksal.

Die Blindesten aber Sind Göttersöhne, denn es kennet der Mensch Sein Haus und dem Thier ward, wo Es bauen solle, doch jenen ist

Der Fehl, daß sie nicht wissen wohin? In die unerfahrne Seele gegeben. Ein Räthsel ist Reinentsprungenes. Auch Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn

Wie du anfiengst, wirst du bleiben, So viel auch wirket die Noth Und die Zucht, das Meiste nemlich Vermag die Geburt

Und der Lichtstral, der Dem Neugebornen begegnet. Wo aber ist Einer, Um frei zu bleiben

Sein Leben lang und des Herzens Wunsch Allein zu erfüllen, so Aus himmlischgünstigen Höh'n Und so aus reinestem Schooße

Glücklich geboren, wie jener. Drum ist ein Jauchzen sein Wort. Nicht liebt er, wie andere Kinder In Wickelbanden zu weinen;

Und wenn, wo die Ufer sich ihm An die Seite schleichen, die krummen, Und durstig umwindend ihn, Den Unbedachten, zu ziehn

Und wohl zu behüten begehren Im eignen Schlunde, lachend, Zerreißt er die Schlangen und stürzt Mit der Beut', und wenn in der Eil'

Ein Größerer ihn nicht zähmt, Ihn wachsen läßt, wie der Blitz muß er Die Erde spalten, und wie Bezauberte fliehn Die Wälder ihm nach und zusammensinkend die

Berge. Ein Gott will aber sparen den Söhnen Das eilende Leben und lächelt, Wenn unenthaltsam, aber gehemmt

Von heiligen Alpen, ihm In der Tiefe, wie jener, zürnen die Ströme. In solcher Esse wird dann Auch alles Lautre geschmiedet

Und schön ist's, wie er drauf, Nachdem er die Berge verlassen, Stillwandelnd sich im deutschen Lande Begnüget und das Sehnen stillt

Im guten Geschäfte, wenn er das Land baut, Der Vater Rhein, und liebe Kinder nährt In Städten, die er gegründet.

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