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1879

Das Vergißmeinnicht

Peter Hille

Sinniges Blümchen, Blaues Vergißmeinnicht, Entpflückt dem leise Murmelnden Bach

Von Mädchenhand, Tränenbetaut Unterm Abschiedskuß Dem scheidenden

Liebsten gegeben, – Hast eine Seele du? Riß die Holde Grausam

Dich aus bachumrieseltem Blumenleben? Fühltest du schmerzlich Die pflückende Hand?

Starbest du Von nährender Wurzel Geknickt? Himmelblau,

Wie zuvor, Noch schimmert dein Aug'! – – – In ein Wasserglas Stellt dich der Knabe,

Kaum daß er das Ränzel An den Nagel gehängt: Und frisch bleibst du, Blühend

Als wenn noch Wurzelnd du ständest im Bach. Oft zur Sehnsuchtsstunde Der Dämmerung

Nimmt er dich aus dem Glase, Betrachtet dich innig, Liebesbote du, Von ihrer Hand

Mit Tränen benetzt, Gewandert in seine. – – – – Die Linke im braunen Gelock, Ans Fenster sich lehnend,

So sieht er mit sehnendem Blick Hinaus in die Gegend, Wo weit dahinten Sein Liebchen weilt.

Seine Gedanken gehen Weit die Giebel hinüber, Die Türme und Mauern der Stadt Weit, weit hinweg,

Bis wo in stiller Kammer Ein Mägdlein steht am Fenster, Und Tränen der Wehmut Im Auge

Ins blassende Abendrot sieht ... Jetzt, Vergißmeinnicht, Streift dich sein Auge, Er küßt anstatt der lieben

Geberin dich. Fühltest du seinen Kuß, Blume der Treue, Zürnst du der Maid,

Daß dein Leben sie kürzte, Das nun bald welkende? Oder lispelst Ihre Mahnung

Dem Jüngling zu, Ihr Tränenwort: „Vergiß nicht mein!“

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