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1872

[Warum zwitschert ihr mich]

Paul Heyse

Warum zwitschert ihr mich Um meinen Morgenschlaf Mit scharfem Weckruf, Grausame Vögel!

Ach, ihr scheuchet Mir von der Seite Den einz'gen Freund und Erbarmer, Der bei mir aushielt,

Da vom Haupte Des Götterverfemten Entsetzt hinwegflohn Alle guten Geister.

Wie qualvoll lang Im purpurnen Abgrund der Nacht, Zu dem hinunter Kein Strahl des Friedens tauchte,

Lag ich mit fieberbangen Sinnen, Aus furchtbarn Träumen Zurückgeschreckt Ins schreckenvollere

Wache Bewußtsein Meines Unglücks, Bis endlich nachgab Der leidermattete Leib

Und ein Tropfe Vergessen Auf die lechzende Seele taute. Den mißgönnet ihr mir, Schadenfrohe Vögel!

Ach, vorzeiten Meintet ihr's gut, Wenn ihr den schlummerberauschten Knaben und Mann

Hinaus in die lodernde Pracht des Morgens riefet. Da war Welt und Leben Des Wachens wert.

Jetzt ist der dichteste Schleier, Den Träume weben, Nur wie ein Spinnweb, Gelegt auf frische Wunde:

Nur leicht das Blut Zu hemmen vermag's; Doch voll durchtränkt Mit dem quellenden Naß,

Wird das Gespinst Wieder hinweggespült, Und heißer rieselt die Welle Am grauen Morgen.

Daß ein Morgen käme, Der sie stocken machte, Müßte mit ihr auch Mein Leben stocken –

Denn, all ihr Götter, Übermenschlich Ist diese Pein!

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