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1872

Vision

Paul Heyse

Durch mein Fenster, wenn ich kaum die Augen Aufgeschlagen, von der Küste drüben Grüßt mich schon die junge Morgenröte, Droht mir lächelnd mit dem Rosenfinger,

Daß ich faul mich noch im Bette dehne, Da sie selbst so pünktlich aufgestanden. Holde Göttin! ruf' ich, hier an deinem Schönen See in Ferienlaune weil' ich,

Aller Arbeit ledig, als nur etwa Einen Brief zu schreiben in die Heimat, Oder lieber noch ein Cartolinchen. Gönne mir's, auf meinem Lotterbettlein

Noch ein Weilchen dämmernd hinzuträumen, Bis die strenge Herrin dir, die Sonne, Folgt, die abhold allem Müßiggange. Zeit dann wird es sein, mich aufzuraffen.

Und die Göttin hört's und scheint's zufrieden. Aber heut, da wieder mit verstohlnem Kuß auf meine Augen sie mich, weckte, Wen erblick' ich ihr zur Seite schwebend?

Ist's ein Nebelspuk, dem See entstiegen? Nein, ein Frauenbild, in duft'ge Schleier Eingehüllt; und jetzt empor sich schwingend, Langsam, wie ein Schwan zum Äther aufstrebt,

Dann sich wieder senkend, steten Fluges Mir entgegen strebt sie. Ja, nun kenn' ich Dich, geliebtes Antlitz meiner Muse, Die geheimnisvollen Götteraugen,

Die mit ernster Frage jetzt mich anglühn. Ist's bedauernd, ist's mit leisem Vorwurf? Doch alsbald mit beiden Lilienarmen Winkend, wie man einen Säumigen antreibt,

Nachzufolgen, in die obern Lüfte Schießt sie wie ein Sternbild und verschwindet. Und ich starr' ihr nach. O hehre Göttin, Ruf' ich, Freundin du der Morgenröte,

Dank dir, daß du kamst, mich zu beschämen! Und nun will ich rüstig mich ermannen, Deiner Spur zu folgen. Aber wirst du, Wenn ich schweifend im Olivenwäldchen,

Oder dort am Seegestad dich suche, Wie ein Liebender der Liebsten nachgeht, Gern dich finden lassen, deinem Treuen Helle Lieder in die Seele hauchend,

Süßmelodische, wie du in den Tagen Unsrer jungen Liebe sie mir gönntest?

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