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1872

Der Vesuv

Paul Heyse

Früh erwacht im Tagesgrauen, Schwang ich mich das steile Treppchen Rasch hinan zum flachen Söller, Und an seiner Brustwehr lehnend,

Ließ ich die entzückten Augen Weitum in die Runde schweifen. Noch im leichten Morgenschlummer, Zugedeckt von Nebelschleiern

Wie von flaumenleichter Decke, Lag die Küste, lag der glatte Purpurblaue Meeresspiegel, Zitternd in dem leisen Windhauch,

Der dem jungen Tag vorausging. Und nun kommt er! Siegesprangend, Güldnen Kronreif um die Stirne, Tritt im Ost er auf die Hügel,

Und sofort die Flammenpfeile Sendet er in die verträumte Welt zu Füßen, daß der graue Nebel reißt, in Glanz zerflatternd.

Und die herrliche Neapel Hebt sich aus dem Duft, und ihre Kinder all, die kleinen Städtchen Längs der Küste, reiben lachend

Sich den Schlummer aus den Augen, Spiegeln sich im Meer und kränzen Seinen Strand mit Blütenzweigen. Doch zur Rechten in den klaren

Morgenhimmel ragt der alte Feuerberg Vesuv, die Stirne Zart umglüht von Rosenschimmer. Ruhig steht er da, behaglich

Seine Morgenpfeife rauchend, Zu dem Kranz der weißen Städtchen Niederblickend, die wie Enkel Um den Großpapa sich drängen.

Aber ich – gedenken mußt' ich Alles Unheils, das der Große Diesen Kleinen angestiftet, Und die Faust mit Zorngebärde

Nach ihm schüttelnd, rief ich also: Heuchler du, mit deiner frommen Menschenfreundlich sanften Miene! O, man weiß, wie heiße Tücke

Dir im Busen gärt! Umsonst nicht Nannte jener kranke Dichter Dich sterminator Vesevo. Ja, Verwüster und Verheerer

Warst du seit den frühesten Tagen, Hast die arglos guten Kinder, Die bei dir sich angesiedelt, Erst gehätschelt und geliebkost,

Dann bei Nacht in Aschengluten Sie erstickt, die Ahnungslosen, Ihre Spur vom Boden tilgend. Fluch dir! Ohne dich, du Dämon,

Würde dieser benedeite Erdenfleck ein Paradies sein, Gleich dem ersten. Aber freilich, Diesem auch war ein Verwüster

Zugesellt vom Höllenabgrund, Gleißend, wie du selbst in Schönheit. So in sittlicher Entrüstung Mich entladend, hielt den Blick ich

Auf des Kraters Rand geheftet, Und auf einmal aus dem weißen Dampf, der aus der Tiefe vorquoll, Hob sich geisterhaft ein mächt'ges

Haupt, umweht von grauer Mähne, Wildem Bart, und unter busch'gen Brauen funkelten zwei Augen, Blitze sprühend. Deutlich sah ich

Ihren Blick auf mich gerichtet, Und wie Morgenwindes Sausen Drang vernehmlich eine Stimme An mein Ohr:

Du naseweiser Tor, wie wagst du mich, den alten Herrscher dieser Welt, zu schmähen? Haben nicht die ew'gen Götter

Hier mir meinen Thron gegründet, Gaben mir die Feuerseele, Die, ob ungezählte Jahre Über meinem Haupt dahinziehn,

Nie erkaltet? Feuergeister Müssen unerbittlich immer Wechselnd gut und Böses stiften, Nicht gezähmt von lauer Tugend.

Und du nennst mich Heuchler? Hätt' ich Je verleugnet mein Gemüte? Wenn die Kleinen dumm-vertraulich Sich geschmiegt an meine Kniee,

Mußten sie gewärtig bleiben Meiner Launen. Und du schiltst mich, Daß in Aschen ich begraben Jene zwei berühmten Städtchen?

Heuchler dann du selbst! Wie bist du Erst vor kurzem in Pompeji Hoch entzückt herumgewandelt, Hast die Bronzen, ausgegraben

Aus dem Schutt von tausend Jahren, Im Museo Nazionale Hoch bewundert, und dem „Dämon“, Der dies Schauspiel euch gegönnt hat,

Gibst du danklos schnöde Namen? Doch so seid ihr, wind'ge Menschlein, Prunkend mit humanen Phrasen, Aber wenn von fremdem Unglück

Etwas Gutes für euch abfällt, Laßt ihr's doch euch trefflich schmecken. Schäm dich, junger Mann, und bist du Noch nicht ganz verderbt, geh in dich!

Rief's' und plötzlich war das mächt'ge Haupt, so wie's erschien, verschwunden. Ich jedoch, wie ein gescholtner Schulbub schämt' ich mich und bat ihm

Alles ab, was ich gelästert, Rief ihm auch an jedem Morgen Ehrerbiet'gen Gruß hinüber – Aber nie mehr hat der alte

Herr von mir Notiz genommen.

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