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1872

Auf Schloß Labers

Paul Heyse

Vom luftigen Altan, an dessen Brustwehr, In Efeu dicht gehüllt, ein Bienenschwarm Geschäftig summend um die Blüthen schwirrt, Gern schau' ich nieder, wenn der Tag verblaßt.

Zu meinen Füßen senkt die Halde sich Mit ihrer Rebengärten Überschwang, Noch glühend von der Sonne Feuerkuß, Und aus dem Grün mit ihren Zinnentürmchen

Ragen die stillen Schlösser, Trautmannsdorf, Rametz, zur Rechten Planta – wohlbekannt. Und tiefer, wo in ihrer Felsenkluft Die wilde Passer rauscht, die schatt'gen Gassen

Merans, aus deren Mitte sich der Turm Der alten Kirche hebt. Weit drüben aber Kommt, hin und wieder in der Sonne blitzend, Die Etsch herab, wie ein mutwillig Kind

Die Treppenstufen niederspringt, und reicht Der Schwester vom Passeiertal die Hand Und grüßt vertraut hinauf zu Schloß Tirol. Gesegnetes Gefilde, märchenhaft

Geschmückt mit Anmut, vom erhabnen Kranz Der Bergeshöhn umblaut, der tiefer jetzt Sich färbt, bis an den höchsten nackten Firnen Der letzte Purpurhauch erlischt! Nun liegt

Die weite Runde still, als hielte sie Den Atem an. Und drunten in den Häusern Glimmt Licht an Lichtlein auf, wie in der Dämmrung Leuchtkäfer funkeln durch ein Gartenland,

Am dunklen Berge dort beim Eggerbauern Noch ein versprengtes Fünkchen. Aber golden Ob all dem Erdgeleuchte schwebt die Sichel Des Mondes still dahin im reinen Äther,

Und ihre taubeschwerten Fittiche Entfaltet jetzt die Nacht. Auf meine Seele Senkt Schwermut sich herab. Sie schweift zurück

In langversunkne Zeit, das Auge sucht Im nächt'gen Schatten drunten jenes Haus, Wo sommerlang ich schwerstes Leid erduldet Und rings um mich die Kraft und Segensfülle

Der üppigen Natur ein Hohn mir deucht' Auf mein verarmend Dasein. Ihre Zauber Besel'gen nur den Glücklichen. Wer hat, Dem wird gegeben – unbarmherz'ge Weisheit,

Die eines Bettlers spottet! Doch die Nacht, Die blasse Schatten aus den Gräbern weckt, Hat Balsam auch für alte Wunden. Sacht

Vom hellgestirnten Firmamente träuft Ein Friede nieder, an das Ew'ge mahnend, Und schauernd fühlt von einer höhern Macht Die Seele sich umfangen. In dem Hauch

Des Nachtwinds dehnt sich die beklommne Brust, Und, das noch eben Geistertönen lauschte, Das bange Ohr, nun hört's im Hause drinnen Vertrauter Stimmen Ruf, der Kinder Lachen

Und deine seelenvolle Geige, Freund, Die mit dem Zauber holder Harmonieen Das Herz, von Jenseitsdämmerung umgraut, Zurück ins Leben lockt.

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