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1872

An Theodor Storm

Paul Heyse

Heut von meinem Sommerhaus Trägt mich über Tal und Hügel In dein Holstenhaus hinaus Phantasie auf raschem Flügel.

In dein Zimmer führt sie mich, Wo vor kurzen Jahr' und Tagen Wir am Fenster abendlich Trauter Wechselrede pflagen.

Vor uns Feld und Waldesaun, Drauf des Herbstes Schimmer ruhte, Daß uns Alternden im Schaun Eichendorffisch ward zumute:

Gleich als hätten ausgespannt Unsre Seelen weit die Schwingen, Übers abendstille Land Friedlich uns „nach Haus“ zu bringen.

Da auf einmal hört' ich dich Halb wie zu dir selber sprechen: Herbst ist da. Es melden sich Schon die fröstelnden Gebrechen.

Frühreif fiel mir auf das Haupt, Wenig blieb mir noch des Holden; Doch, solang man liebt und glaubt, Soll man sich den Tag vergolden. –

Sieh, da war dein junges Kind Uns verstohlen nachgegangen, Hielt mit schlanken Ärmchen lind Ihres Vaters Hals umfangen.

Und ich sprach: Wem frisch und rot Solche Sommerfrüchte reifen, Dem wird noch des Winters Not Nicht so bald ans Herze greifen,

Und er läßt die Siebzig nahn, Nicht gebückt auf die Postille: Aufrecht, wie wir stets ihn sahn, Wandelt er in Lebensfülle.

Wie ein Fruchtbaum herbstbereift Grünt er auf des Lebens Gipfel, Und der Ernten manche reift Sonnig noch in seinem Wipfel. –

Wohl prophetenäugig sah Damals ich in Lebensweiten. Sieh, nun sind die Siebzig da, Und du stehst noch wie vorzeiten.

Deiner Tage Kampf und Schmerz Hast du mild verklärt im Singen, Denn ein rechtes Menschenherz, Weißt du, ist nicht umzubringen.

Schenkst dem Volke Jahr um Jahr Goldner Früchte reichen Segen, Dem nun schon die Enkelschar Gleich den Vätern harrt entgegen.

Und so woll'n wir's, alter Freund, Noch ein Weilchen weitertreiben, Wenn der Herbst das Laub auch bräunt, Eingedenk des Sommers bleiben.

Während auf Parnasseshöhn Aberwitz'ge Knaben lärmen: „Schön ist häßlich, Häßlich schön!“ Und im Hexensabbat schwärmen,

Wird der Drang dir nie gestillt, Deines schönen Amts zu walten, Dieser Welt verworrnes Bild Leise deutend zu gestalten.

Noch ist keine Ruhezeit Dir im Abendrot erglommen – Aber still! Noch mancher heut, Dünkt mich, will zu Worte kommen.

In dem schieferdunklen Haus Schwärmt es ja von Frohgesichtern, Und in all dem Saus und Braus Mangelt's wohl auch nicht an Dichtern.

Ich, anstatt in deine Hand Einen Blumenstrauß zu drücken, Kann zum Fest nur weit ins Land Ein beschriebnes Blatt dir schicken.

Laß dir's lesen von Dodo, Und dir duftet ins Gemüte, Rosen gleich von Jericho, Alter Freundschaft frische Blühte.

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