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1872

An Joseph Viktor v. Scheffel in Karlsruhe

Paul Heyse

Lieber alter Freund, gedenkst du Unsrer Sorrentiner Tage, Da wir in der Rosa magra, Jener billigen, bescheidnen

Künstlerherberg' alten Stiles, Traulich hausten Tür an Tür? Du, von Capri erst gelandet, Da wir kaum in rotem Landwein

Uns den Willkomm zugetrunken, Gabst des Säckinger Trompeters Erst Kapitel mir zum besten, Frischgedichtet in Paganos

Palmenschatten; ich dagegen Ließ dich sehn die Arrabbiata, Kaum noch von der Tinte trocken. (Lest Ihr eine Predigt? fragt' uns

Die Luisa, die von anderm Mündlich feierlichem Vortrag, Von Gedichten und Novellen Nie ein Sterbenswort gehört.

Und wir lachten.) Sacht inzwischen Hatte sich Laurellas Urbild, Jener braune, fünfzehnjähr'ge Wildfang, bei uns eingeschlichen.

Einen Rosenstrauß in Händen Raste sie um Tisch und Stühle, Keines heft'gen Zurufs achtend, Bis ich bei den schwarzen Flechten

Sie ergriff; da fletschte wild sie Ihre blanken Katzenzähne, Mich mit scharfem Biß bedrohend, Wenn ich etwa hinterm Gitter

Des Balkons sie zähmen wollte; Aber plötzlich sich besinnend Warf sie ins Gesicht den Strauß mir Und entsprang mit hellem Schrei.

Draußen war indes der Vollmond Rot am Horizont erglommen, Hatte bald um Strand und Gärten Ausgespannt sein weiches Goldnetz,

Das die Seelen magisch einfängt, Und hinaus zum offnen Söller Lockt' uns seine Zauberpracht. Welche Nächte! Welche Wonnen!

Über allen Zauber Jugend! Weit hinaus im Glanz verduftend Schwamm das Meer; die eigne Zukunft Schien uns wie ein Wundereiland

Fern emporgetaucht zu grüßen, Und wir standen, starrten, staunten, Bis vom Wind gewiegt das letzte Ritornell am Strand verstummte

Und der Schlaf, der Freund der Jugend, Uns auf hartem Bett umfing. Hart wohl in der Rosa magra War das Lager, hart zuweilen

Das arrosto oder fritto, Doch die Herzen weichgeschaffen (Sempr' allegra, ma onesta! Klang Luisas biedrer Wahlspruch),

Und wir lebten so vergnüglich, Wie ich dies in den Idyllen Von Sorrent hernach des Breitern, Nur vielleicht zu offenherzig,

Beichtet' einem günst'gen Leser, Einer strengen Leserin. Kürzlich nun, nach fünfundzwanzig Langen süß' und bittren Jahren,

Da im Zauberland der Jugend Ich gesucht ein Leidasyl, – Gleich des herzlichen Genossen Jener Tage mußt' ich denken,

Wie auch er aus andern Augen Heut in Meeresweite blicken, Wie auch er mit anderm Herzen Grüßen würde diesen Strand.

Zwar den groß' und kleinen Hafen, Die gewundne Treppensteile, Grau und schlüpfrig, fändst du wieder, Fändst die wohlbekannten schmalen,

Mauerschluchtig dunklen Gassen Noch wie damals von Gerüchen – Stockfisch, Öl, Johannisbrotfrucht – Hexenküchenhaft durchduftet;

Noch wie damals auf den Schwellen, Loggien, Mäuerchen, Balkonen Braune Weiber, wockenschwingend, Ihre nackten, funkeläugigen

Kinder säugend oder kämmend, Mit dem Ruf: Muojo di fame! Nur die großen Fremdenfallen, Die Hotels, an allen Ecken

Sind sie mächtig aufgeschossen, Daß die schmächt'ge Rosa magra Vollends schamhaft sich verkriecht. Dann die Piazza – traun, du kenntest

Einzig an der Schlucht sie wieder, Die von Brücken überwölbet Schauerkühl zum Meer hinabsinkt. Ringsumher stehn neue Häuser;

Auf dem Ehrenplatz inmitten, Unter Kutschern, Eseltreibern, Müßig lungerndem Gesindel, Tassos weißes Marmorstandbild,

Halb ein Landsknecht, halb ein Geck. Armer Dichter! Noch im Tode Spürt' er seines Unsterns Walten, Und von allen Marmorstümpern

Fiel dem Gröbsten er anheim! Doch genug von toten Steinen! Unser Herz gehört Beseeltem, Menschen unser Angedenken.

Zwar, die Menschen, wenn nicht zeitig Von der Bühne sie verschwinden, Tauschen seltsam oft die Rollen. Aus dem Helden wird zuweilen

Ein Philister, feig und schäbig, Aus Naiven tragische Mütter, Aus dem Primo amoroso Ein moroser alter Narr.

Besser fand ich's hier im ganzen. Freilich, aus der Rosa magra War die Mutter weggestorben, Weggezogen alle Kinder,

Nur Gennaro, der als Jüngster Damals noch im Hemd herumlief, Hält mit seinem jungen Weibe Aufrecht ihres Hauses Ruhm.

Doch Luisa heimzusuchen, Mußten wir nach Meta wandern, Wo sie, eines Stubenmalers Ehweib, mit der einz'gen Tochter

(Ganz ihr Abbild! non è bella, Ma simpatica, sapete!) Haust in mäßigem Behagen Und ein Farbenlädchen hält.

Sempr' allegra, ma onesta Gab sie den Besuch uns wieder, Kam mit Mann und Kind und Schwester, (Die in feurig süßem Wein sich

Einen Spitz trank, poverella!) Und viel tausend Grüße soll ich Dir bestellen, Don Pepino, Und sie wußten noch den kleinsten

Umstand jener alten Zeit. Auch die Arrabbiata fand ich, Da sie just im Hof am Ziehbrunn Wasser schöpfte. Näher tretend

Bat ich: Reicht mir auch zu trinken! Und so übern Krug hinüber: Kennt Ihr mich nicht mehr, Laurella? (Selbst erkannt' ich kaum die alten

Übermüt'gen Züg' im breiten, Ruhigen Matronenantlitz.) Doch sie wiegt' ihr Haupt verneinend, Noch im Schmuck der schwarzen Flechten,

Dran ich damals sie gezügelt, Und erzählte mir, wie vieles Unterdes sich zugetragen, Wie sie ihren Mann gefunden

Und verloren, sieben Kinder Ihm geboren, vier begraben, Nur zwei Mädchen noch im Hause Und der Sohn ein rüst'ger Schiffer.

Wahrlich, sieben Kinder löschen Wohl der eignen Kinderpossen Angedenken in dem Herzen Eines schlichten Weibes aus.

Und wir reichten uns die Hände; Auch die beiden Mädchen kamen, Schön und schlank herangesprossen, Zahmer als die Mutter damals,

Und mit stillem Segenswunsche Schritt ich aus dem stillen Haus. Doch auf deinen Lippen lang schon Seh' ich eine Frage schweben

Nach der Lieblichen, der Liebsten, Jener stillen, schöngeäugten Jungen Nachbarin, die damals Schwesterlich das Herz mir rührte,

Ihres auch mir freundlich neigte, Sehr unschuldig. Waren beide Herzen doch in festen Händen, Beide, wie in Ferienlaune,

Wärmten sich an fremdem Feuer, Bis die Scheidestunde schlug. Wohl! auch Mariuccia fand ich, Noch im alten finstren Häuschen,

Täglich am Balkone sitzend, Träumrisch, ihr Gestrick in Händen Und beträchtlich stark geworden, Um sie her ein schwirrend, gurrend,

Glucksend Volk von Hühnern, Tauben, Auch ein Kätzchen im gebräunten Lehnstuhl kauernd; rings die Wände Rauch- und staubgeschwärzt; die alten

Möbel dürftig, blind das Spieglein An der Wand, vergilbt die bunten Heil'genbilder überm Bette, Daß beklommen, da ich eintrat,

Sich das Herz zusammenzog. Und ich saß ihr gegenüber, Und wir suchten eins im andern Die entschwundne Jugend wieder.

Sag mir, Mariuccia, fragt' ich, Warum bist du einsam blieben? Angiolinas Onkel, weißt du, Jener schlanke Apotheker,

Warst du nicht mit ihm versprochen? Und er liebte dich, und du auch Liebtest ihn Im nächsten Jahre,

Sprach sie still, ist er gestorben, Und seitdem Ihr weggegangen, Ist kein andrer mehr gekommen, Mariuccia schön zu finden.

Seht, ich bin's auch nicht geblieben; Wer betrübt ist, altert frühe. Und nun führ' ich meinem Bruder Hier das Haus seit manchem Jahre.

An Gesellschaft ist kein Mangel, Wie ihr seht; ich bin genügsam. Immer seh' ich vom Balkone Einen Tag dem andern folgen,

Bis zuletzt der letzte kommt. Fünfundzwanzig lange Jahre, Nicht voll süß' und bittrer Stunden, Liebeleer, in ödem Gleichmaß,

Statt von holden Kinderlauten, Nur umschwirrt von Vogelstimmen, Ach, und das ein Menschenleben? O Mariuccia, armes Herz!

Und wir reichten uns die Hände, Und ich sah auf mir die schönen Junggebliebnen Augen ruhen Ohne Wunsch und ohne Klage,

Und mit tiefbewegter Seele Schritt ich aus dem stillen Haus. Abends, da mit meiner Liebsten Ich im Dante las – dem kleinen

Exemplar, das du mir scheidend In Sorrent zurückgelassen, Noch am Rand die Spuren deines Hermeneutischen Bemühens –

Und der Mond durch der Oliven Zartes Silberlaub hereinsah, Und wir an die Stelle kamen, Wo Francesca seufzt: Es ist kein

Größrer Schmerz, als sich im Leid auf Altes Glück zurückbesinnen! – Plötzlich aus den Händen gleiten Ließ ich stumm das Buch; im Sessel

Lehnte sich mein Weib zurücke, Und ich sah, wie große Tropfen Schwer ihr aus den Wimpern quollen. Woran dachten wir? O Teurer,

Still davon! Es soll der Wehmut Dunkler Kelch nicht überfließen. Birgt doch auch geheime Süße Alten Glückes treu Erinnern.

Des zum Zeichen, von der Küste Napolis, der lebensfrohen, Trag' im Winter dieses Blatt dir Einen Hauch des Südens zu!

Neapel, November 1877

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