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1817–1875

Die deutsche Flotte.

Georg Herwegh

Erwach', mein Volk, mit neuen Sinnen! Blick' in des Schicksals goldnes Buch, Lies aus den Sternen dir den Spruch: Erwach', mein Volk, heiß' deine Töchter spinnen!

Wir brauchen wieder einmal deutsches Linnen Zu deutschem Segeltuch. Hinweg die feige Knechtsgeberde; Zerbrich der Heimat Schneckenhaus,

Zieh' muthig in die Welt hinaus, Daß sie dein eigen werde! Drum wirf den Anker aus! War Hellas einst von bessrem Stamme,

Als du? von bessrem Stamme Rom? Daß Hermann, dein gepries'ner Ohm, Mein Volk, dich nicht verdamme — Hinaus ins Meer mit Kreuz und Oriflamme!

Sei mündig und entlaufe deiner Amme, Wie seinem Quell dein Strom! Wohl ist sie dein, die schönste Flotte, Die je ein sterblich Aug' entzückt:

Der Münster Schiffe, wie geschmückt Hast Du sie deinem Gotte! Du lächelst ob der Feinde schwachem Spotte, Wenn sie auf schwankem Brett, die freche Rotte,

Die Frucht der Erde pflückt. Auch Wenn erst das Salz dein Ruder netzt, Und all die Sterne, die sich jetzt

Stolz über'm Haubt dir wiegen, Gleich schmucken Sklaven dir zu Füßen liegen; So zwischen zweien Himmeln hinzufliegen — Diß Ziel ist dir gesetzt!

O blick' hinaus ins Schrankenlose! Bestürmt dein Herz nicht hohe Lust, Wenn, wie an einer Mädchenbrust Die aufgeblühte Rose,

Die Sonne zittert in des Meeres Schooße? Und rauschen nicht der Tiefe tausend Moose Dir zu: du mußt! du mußt!? Gleicht nicht das heil'ge Meer dem weiten

Friedhof der Welt, darüber hin Die Wogen Decken von Rubin Und grüne Hügel breiten? Um deiner Todten Asche mußt du streiten!

Ha! schlummern nicht aus deiner Hansa Zeiten Auch deutsche Helden drin? Wiegt sich nicht auf krystallnem Stuhle Im Meer der Nereïden Schaar,

Die sich ihr Schicksal Jahr um Jahr Abspinnt von goldner Spule? Lockt sie dich nicht, der Becher nicht von Thule, Das wilde Meer, der Freiheit Hohe-Schule,

Lockt dich nicht die Gefahr? — Das Meer wird uns vom Herzen spülen Den letzten Rost der Tyrannei, Sein Hauch die Ketten wehn entzwei

Und unsre Wunden kühlen. O laßt den Sturm in euren Locken wühlen, Um frei wie Sturm und Wetter euch zu fühlen; Kühn, wie der Adler kommt geflogen,

Nimmt der Gedanke dort den Lauf, Kühn blickt der Mann zum Mann hinauf, Den Rücken ungebogen. Noch schwebt der Geist des Schöpfers auf den Wogen,

Wie dich die Lande anerkennen, Soll auch das Meer dein Lehen sein, Das alle Zungen benedein Und einen Purpur nennen.

Er soll nicht mehr um Krämerschultern brennen — Wer will den Purpur von dem Kaiser trennen? Ergreif' ihn, er ist Ergreif' ihn, und mit ihm das Steuer

Der Weltgeschichte, fass' es keck! Ihr Schiff ist morsch, ihr Schiff ist leck, Du bist des Herrn Erwählter und Getreuer; O sprich, wann lodern wieder

Von jenes Schiffes Deck? Hör', Deutschland, höre deine Barden: Dir blüht manch lustig Waldrevier — Erbaue selbst die Segler dir,

Der Freiheit beste Garden, Mit eignen Flaggen, eigenen Kokarden; Bleib' nicht der Sklave jenes Leoparden Und seiner schnöden Gier!

Wen bittrer Armuth Noth erfaßte, Und wer verbannt die See durchwallt, Daß heiße Sehnsucht nicht zu bald Die Seele ihm belaste:

Dem sei's beim Schwanken einst der deutschen Maste, Als ob er träumend noch zu Hause raste Im kühlen Eichenwald. Es

Ersehnter Einheit für uns schlägt, Und Wenn keine Krämerwage mehr, wie Pfunde, Europa's Schicksal wägt.

Schon schaut mein Geist das nie Geschaute, Mein Herz wird segelgleich geschwellt, Schon ist die Flotte aufgestellt, Die unser Volk erbaute;

Schon lehn' ich selbst, ein deutscher Argonaute, An einem Mast, und kämpfe mit der Laute Ums goldne Vließ der Welt.

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