Skip to content
1773

Liebe und Freude

Johann Gottfried Herder

„Hüte Dich,“ sprach einst die Weisheit, „Du, der Liebe schöner Sohn, Und Du, seine Schwester, Freude, Weil Euch Beiden Uebel drohn.

Flieh, o Knabe, jene blinde Schlaugesinnte Eifersucht; Und Du, Mädchen, flieh den Reichthum, Der, auch blind, Dir immer flucht!“

Also sprach die gute Weisheit; Doch vergebens war ihr Wort; Reichthum riß so bald die Freude, Eifersucht den Amor fort.

Und seitdem sie zu Gesellen, Zu Geliebten Die gewählt, Wer ist, der die Uebel alle Dieser Trugverbindung zählt?

Eifersucht betrog den Amor Und gab Qualen ihm zu Lohn, Nahm ihm seine holden Augen, Denen nie ein Herz entflohn.

In des blinden Reichthums Armen Ward die Freud' ein blindes Glück, Und an ihrem todten Bilde Schärft' sich ihres Mörders Blick,

So daß Eifersucht und Reichthum Jetzt allein scharfsehend sind. Ist es Wunder? Die Betrognen, Amor und das Glück, sind blind.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Liebe und Freude · Johann Gottfried Herder · Poetry Cove