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1773

Im hohen Alter

Johann Gottfried Herder

Ach, ich Armer, wenn ich an die Jahre Meines Lebens nun zurück gedenke, Ach, von allen nicht ein Tag, der mein war! Eitles Hoffen, trügendes Verlangen,

Wünsche, Seufzer, Gram und Stolz und Liebe (Was ein menschlich Herze je gefühlt hat, Ist nicht neu mir!), Alles zog – wohin mich? Ach, wie fern vom Guten und der Wahrheit!

Und ich gehe nach und nach zum Grabe, Und der Schatte wächset, und die Sonne Wird mir trüber; bald ersink' ich kraftlos. Schwache Seele, da der Jahre Feile

Deinen müden Körper stündlich abnagt, Ja, vielleicht in Kurzem Deine Bürde Gar Dir abfällt, und Du Dich in anderm, Deinem wahren Vaterlande findest –

Kannst Du immer noch den alten Trieben, Die Dich Schwächern, Aeltern immer mehr ja Drücken, geißeln, peinigen – noch dienen? Ach, Du mußt! – O Gott, so leih mir Kräfte!

(Dir verhehl' ich's nicht: kleinmüthig neid' ich Die entseelten Todten; also zittert Vor mir meine Seele!) reiche Du mir, Du aus fernem, mir in fernem Lande

Deine milden Arme und entreiße Mich mir selbst und mache mich – was Du willst!

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