Skip to content
1768

Gesang auf die menschliche Seele

Johann Gottfried Herder

Statt Luft- und Himmelswesen Preis' ich die Menschenseele, Die Schöpferin! Erlesen Hat sie in dunkler Zauberhöhle

Sich einen Erdenleib und ward, Die Schöpferin, mit regen Kräften Der Götter offenbart. Nimm, was die Menschenseele

Für neuen Sinn ersonnen, Und fleuch aus Deiner Höhle, Zu wandeln unter Stern- und Sonnen, Und kehr hinab und sieh und sprich,

Was größer Du gesehen, Die Sonnen oder Dich. Was Dir ein Erdball dünket, Der Leib, den Du ernährest,

Der todt zu Staube sinket, Wenn Du in neue Reiche kehrest – Ist eine Welt, von ihr vereint, Gewebt und kunstgebildet,

Ob's Dir ein Erdkloß scheint. Und wer ist's, der sie zähle, Den Erdbau noch durchstrebend, Die Kräfte Deiner Seele?

Allgegenwärtig, allbelebend, Als eine Sonn', als Königin Herrscht sie und fühlt und langet Ans Weltenende hin.

Jetzt, wenn sie göttlich fühlet Des hohen Ursprungs Feier, Zu hohem Ziele zielet, Wie König Adler; jetzt als Ungeheuer

Entflammet, wo sie Zug und Wuth Und Raubbegier hinabreißt, Gleich einem Pfeil, nach Blut – Wie da Blutströme wallen

Von Herzen und zu Herzen! Und in den Strömen allen Wallt Leben, wallen Wonn' und Schmerzen, In Kugeln, unerforscht und viel,

Wie Welt- und Erdenbälle, Wer, der sie zählen will? Sieh, mit den Lebensbällen Gehn Deiner Seele Bilder.

Jetzt, wie aus Abgrundsquellen Die Weltenwirbel, jetzt und milder Und schmeichelnd sanft, wie sich die Thrän' Im Blick der Liebe sammelt

Und abrinnt sterbend schön. Große Gedanken streben Da auf wie Flammenmeere! Auf ihren Schilden heben

Sie Dich empor, Gedankenheere! Wer ist, der denkend je umfing Den Weg, den Menschenseele Zum Thron der Gottheit ging?

Wo, Lorbeern statt, sie Kreise Der hellen Stern' umglänzen, Gesetz und Kraft und Lauf im ew'gen Gleise, Die Boten ihres Sinns, die Welt umgrenzen,

Und ihr zu Füßen tief umher Wölbt sich im Himmelsbogen Das Siebenfarbenmeer. Sich einen Gott ersonnen

Hat sie, hat über Sternen Ein Paradies gewonnen, Sich unterthänigt alle blauen Fernen Der weiten Ewigkeit und sich

Ein Engelheer geschaffen, Zu herrschen götterlich. Den Freund noch zu empfangen, Hat sich die Menschenseele neue Welt erfunden,

Mit Jünglingslieb-Verlangen Sich, im Gewande Purpurwunden Am Todespfahl, auf Flammengluth Zum Freund hinaufgeschwungen

Und ihm im Schooß geruht. Ach, dann in Seelenflammen Zischt Leibesschmerz, verlodert, Hat Himmel und Erd' zusammen,

Ein Herzensschlag, um sich gefodert, Bis der durchglühte Sonnengeist Allein, in Einem Alles, pranget, Das All in Einem heißt.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.