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1773

Die Morgenröthe

Johann Gottfried Herder

Deines Lebens schönste Blumen, Sammle sie am Morgen früh! Denn je mehr die Sonne steiget, Welken sie.

Sieh, die Morgenröthe Und des Hirten Flöte Wecket schon die Wälder, Schmücket schon die Felder.

Willst Du Blumen pflücken, Mädchen, zu entzücken In der Freude Tänzen, Mit der Unschuld Kränzen,

Den damit zu krönen, Dem ja alle Schönen Gerne schmeicheln: früh, Mädchen, pflücke sie!

Sieh der Liebe Rose, Die auf grünem Kloße Unter Dornen stehet Und so bald vergehet!

Sieh halb aufgegangen Hier ein Knöspchen prangen, Dort die Nelke winken, Hier ein Veilchen blinken,

Und der Unschuld Sehnen In der Lilje Thränen. Huld und Anmuth, früh, Mädchen, sammle sie!

Anmuth, Lieb' und Freuden Welken hin und scheiden, Wie das Lüftchen streichet, Wie die Welle schleichet,

Und auf allen Auen Kannst Du Thränen schauen, Thränen, die Aurora In den Schooß der Flora

Weint'. Ach, ihre Stunden Sind so bald verschwunden.

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Die Morgenröthe · Johann Gottfried Herder · Poetry Cove