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1773

Die Gärten der Hesperiden

Johann Gottfried Herder

Als Adanson voreinst am Senegal In einem Walde sich verirrte, traf Ein Tiger auf ihn, sah die nie gesehne Gestalt des Europäers an und stand.

Der Europäer, schrecklich von der Furcht Ergriffen, zog das blinkende Metall Und richtet' es; doch weise schoß er nicht. Lang' schaut' der Tiger ihn, den Tiger er

Erwartend an; dann riß der Waldbewohner Hinweg. Der Europäer, von der Furcht Entlastet, ging auch seines Weges. So, Doch nicht in gleichem Schrecken, sah ich oft

Den Thieren in das Antlitz, und sie mir. „Was hast Du,“ sprach ich, „mir?“ „Was hast Du mir?“ Antwortet' es. „Welch ein Gesetz hat uns Hieher gebannt? in Körper Dich und mich

Verschleiert?“ „Und wer gab,“ antwortet' es, „Der Macht ein Recht, mich zur Beherrschung Dir, Zum Tode Dir mich hinzugeben? Sieh Den Pflugstier, ächzend dort in seinem Joch,

Den Postgaul hier in seinem Zuge! Schau Das Lamm, das heut um Deine Hände spielt Und morgen Dir zur Speise wird! O, konntest Auf Deiner Tafel je, Du je ein Haupt

Des Vogels sehn, das Dich an Dich erinnert?“ Der stumme Blick durchdrang mich schaudernd tief. Amerika, das neuentsprungne Land, Das Land im Werden, bratet Affen. Einst

Sprang eine Aeffin, als sie ihr geliebtes Gebratnes Kind, auch in der Schüssel noch, Erkannte, flugs hinauf, erhascht' es, drückt' Es an die Brust mit ängst'gem Wehgeschrei

Und ließ den Europäern, die mit ihr Getändelt hatten, ihren Speisesaal. „So manches Mitgequälte,“ sprach mein Herz, „Erseufzete zu mir. O Weltengeist,

Bist Du so gütig, wie Du mächtig bist, Enthülle mir, den Du mitfühlend zwar Und doch so grausam schufst, erkläre mir Das Loos der Fühlenden, die durch mich leiden!

Sieh, jene Sonne blickt auf mich und sie So mild herab, als ob sie Alles ja Zu gleicher Seligkeit bestrahle. Sieh, Der Baum, er blüht in seiner Herrlichkeit

So prächtig, bis – mein Stahl ihn fället. Lacht Die Blume nicht so fröhlich, bis der Zahn Des sanften Lamms sie mähet, bis die Zunge Des Stiers sie schneidet? Ja, verfolgen nicht

Geschlechter die Geschlechter? Sieh, der Hecht Erhascht den Hecht, die Spinne saugt die Spinne – Und morden Menschen nicht sich selbst? O wir, Des Weltalls Räuber, Mörder! Mörder wir

Der Unsern, unser selbst! Dazu verliehst, O Weltengeist, Du uns die Finger, dazu Vernunft und diese göttliche Gestalt? Du, frommer Hänfling, singest dort im Nest

Bei Deinen Jungen; fleuch! ich tödte Dich. Der Weltgeist wollt' es so.“ „Das wollt' er nicht!“ Antwortete die Gegend; Echo rief: „Das wollt', das wollt' er nicht!“ und seufzete.

Da stürzt' ein mattgejagtes wundes Reh Zu meinen Füßen nieder, Zuflucht suchend In meinem Schooß; es ächzete und starb. „Hörst Du die Stimmen,“ sprach ich, „großer Geist?

Und siehst die Wunden, siehst die Striemen der Gestalten?“ Wie ein Klageflötenton Ertönete der Hain und ward Posaun- Und Hörnerklang. Alcides stand vor mir,

Gestützt auf seine Keul', die Löwenhaut Um seine Schulter; also sprach er mir: „Und wär' ein wüster Wald die Erde, wäre Sie, wie sie vor mir war, wo wohntest Du?

Verfolgte Dich der Bär und Wolf, es spränge Der Tiger Dich und die Hyäne an, Zahllose Nattern zischten um Dich her, Zahllose Mücken schwärmten aus dem Pfuhl

Mit scharfem Stachel auf Dich: würdest Du Die Schöpfung preisen, die das Leben schont? Darum erwürgt' in meiner Wieg' ich schon Die Schlangen, tödtete den Löwen und

Die Hyder, Erymanthus' wildes Schwein, Und reinigte Augias' Stall, den Pfuhl Der Stymphaliden. Wie der Sturm die Luft, Der Blitz die Erde segenschwanger macht,

So reiniget der Tod die Schöpfung, er, Der große Förderer zu jungem Wohl. Mit Ehren trag' ich Keul' und Pfeil und Bogen.“ Ich sprach zu mir: „Sollt' Alles freilich hier

In eignem Moder sterben, welch ein Pfuhl, Ein Höllenpfuhl wär' um mich diese Welt!“ Der Baum erkrankete und spräche stumm: „Ich kann nicht sterben!“ er erzeugete

Aus seiner Krankheit Gift und Ungethüm. Darum erschuf des Menschen Geist und Fleiß Die blanke Axt; sie haut das Ueberjahrte Barmherzig weg. Der scharfe Pflug, er rottet

Unkraut und Wurzeln, Dorn und Disteln aus, Damit die Wüstenei zum Garten werde, Zum Garten werde, der das Herz erfrischt. Aus roher Wildheit hob sich Alles einst

Langsam empor, damit durch Menschenfleiß Ein Tempel Hygiea's, eine Au' „Des Friedens Alles würd', ein Paradies.“ Verehrend sah den Löwenbändiger

Ich an, der weiter sprach: „Daß, Menschen, Ihr Mit Tyrannei die Thiere quälet, ist, Grausame Schwächlinge, nur Eure Schuld, Die schwer Ihr büßet, wenn mit gleicher Angst

Und größrer Eure feigen Herzen selbst Geängstet werden. Mitarbeiter sind Und Diener Euch die Lebenden. Wie ich Die wilden Stiere, wie den Cerberus

Ich bändigte, wie Ihr auf meinem Wege Den Wolf zu Eurem treuen Hund erzogt, Das wilde Roß Euch zum Gefährten, Euch Zum Waffenbruder machtet, Euer Stolz –

Wie viel, Ihr Menschen, liegt noch vor Euch da, Es anzubaun! wie viel steht da vor Euch, Es auszubilden! Traun, Ihr finget kaum Zu lernen an; ach, Ihr buchstabet noch.“

„O hätten,“ sprach ich, „Deine Kräfte wir Und Deinen Muth!“ „Mit Eurer schwachen Hand Vermögt Ihr nicht den großen Kampf; es muß, Die ganze Schöpfung muß Euch Diener sein

Und Werkzeug, Feu'r und Wind, Luft, Wasser, Erd' Und ihr gehärtet Kind, der scharfe Stahl. Darum erschoß den wilden Adler ich, Der an Prometheus' Leber fraß, entfesselnd

In ihm Vernunft, Voraussicht, Billigkeit. Wenn Euer Stahl zu morden aufhört, wenn Sein friedlich Werk beginnet, räumet er Die ganze Schöpfung Euch zur Wohnung aus,

Auf tausend Weisen neu geschmückt und freundlich. Daß Ihr den Elementen trotzet, ist Nicht Euer größtes Werk; zu ändern sie, Sie zu gebrauchen, ist das größere.

Schafft um den Boden und des Bodens Frucht Und pflanzt aus Welt in Welt, von Baum zu Baum Hinüber, was Euch nützt und Euch erquickt! Sorgt, daß Ihr Euren Himmel mildert, Euch

Die Welt zu Eurer Wohnung, Euch zum Heil, Zu Aller Heil die weite Schöpfung macht! Dies, Menschen, ist Olympia, das ich Für Euch gestiftet, Euer Kranz. Dazu

Holt' aus Hesperiens Gefilden ich Für Euch die goldnen Aepfel. Pflanzet sie! Durch Euch, durch Euch nur blüht Hesperien.“ Die Gottgestalt ging in den Hain zurück,

Und eine Schwalbe flog in meinen Schooß. „Geh,“ sprach ich, sanft sie streichelnd, „baue Dir Dein Haus, wie ich's den Meinen bauen will!“ Die Taube brachte mir ein Oelblatt; mir

Zu Füßen sank der kranke Leu, ich zog Den Dorn ihm aus dem Fuß, er folgte mir. „O!“ sprach ich, „Mensch, jetzt leider ein Gequälter, Ein müssiger und üppiger Tyrann,

Wann wird er, was er kann und sollte, sein? Der Schöpfung Bildner und Vollender, der In seiner Hand so Tod als Leben trägt, Um Leben abzuwägen, auszuspenden

Und reicher zu erneun und herrlicher! Dazu verlieh die große Mutter ihm Ihr Wohnhaus, zu ersetzen, was gebricht, Zu ordnen es und zu beseligen.

Sein Werk ist neue Schöpfung, seine Kunst, Sein Ziel die Bildung edlerer Natur. Durch ihn, durch ihn nur blüht Hesperien!“

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