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1765

An die Wiege meiner Schwester

Johann Gottfried Herder

Mein erster Palast, Du der jüngsten Thränen Geerbter liebster Trost, Wo ich, wenn Sybars auch auf Rosen gähnen, Sanft wie die Unschuld schlief und meine zweite Kost,

Den Schlaf, wie Muttermilch einsaugen lernte, Wo ich mein Jetzt genaß, Mich selbst im Traum empfand und das Entfernte So leicht als Tugend ihren Feind vergaß.

Zu Dir entflieh' ich, weiser Thorheit müde; Denn, Wiege, heut empfing Dein Schooß einst Die (o jedem Heut sei Friede!), Mit der ich einst an einem Herzen hing,

An einer Brust entschlief und auferzogen Von einem Vater ward, Für die ich ewig brenne, der der Bogen Des Opferrauchs sich wölbt, für die nach Tempens Art

Ich heut, o Wiege, Dich mit Liedern kränze, Daß Deine Unschuldsruh, Ihr Jugendschmuck, sie siebenfach umglänze, Als Grazie verklär' und segne; daß auch Du

Oft Tänze um Dich sehst, Dir Lieder schallen, Die meine Seele fühlt, Die Jovah hört, den Eltern Wohlgefallen, Und sie, sie selbst, den Schwestern wiederspielt.

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