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1771

An die Geliebte

Johann Gottfried Herder

Deine Thräne zu entküssen, Holdes Mädchen, flieh' ich hin zu Dir, Bin durch Lüfte hergeflogen Dir zur Seite. Sieh, es zogen

Deine Seufzer mich zu Dir. Laß, o laß mit diesem Kusse Deine bittre Thräne mir! Deine bittre Thräne schmähet

Liebe, Tugend, Vorsicht, Dich und Gott, Sieht mit Murren in die Höhe, Thut dem besten Herzen wehe Und macht dieses Weh zu Spott.

Ach, ergieb mit zarter Thräne Dich der Lieb' und Deinem Gott! Deine Lieb' und Herz und Seele Ist ja unschuldschön wie die Natur.

Mädchen, Deine sanften Wangen Sind zur Thräne nicht; es hangen Keine Wolken auf der Rosenflur Deiner Lippen; Deine Augenlider,

Holdes Mädchen, lächeln Freundschaft nur! Und drohn nicht mit Düsternissen Und sind nicht zur Nebelnacht Hergeschaffen. Ach, o Blume

In der Unschuld Heiligthume, Die, wohin sie blicket, Freude lacht, Heb' Dich aus den Düsternissen, Wie die Lilie nach Regen lacht!

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