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1773

24.

Johann Gottfried Herder

Zerstreute hund- und hirtenlose Heerde, Weh Dir! da brüllt ein Leu. „Wo sind nun unsre Hirten? Ach, wie wir uns verirrten!

Der sel'ge Hund, er war so treu Und stark dabei, Und wir ergaben, dumme Heerde, Dem Wolf ihn! Nun vorbei!

Da kommt der Leu!“ Ihr Deutsche, wo ist Euer Huß Und Sickingen und Hutten blieben? Sind aufgerieben!

Der deutschen Freiheit Morgengruß! „Wir wollen unsre Rednerslust, Den Widder, an ihn senden; Er ist von guten Lenden

Und breiter Brust Und bellt nicht so und treibt nicht so, Als Hund und Hirte thaten.“ Deß seid Ihr wohlberathen,

Deß werdet froh! Der Wollen-Cicero Trabt zitternd stolz entgegen Der brüll'nden Majestät.

„Da will ich recht, hilft's Gott, mein Exercitium Als Rednerpatriot ablegen In omne saeculi futuri gaudium: ‚Heil Dir, o König! Welche Erde

Dich nur empfäht, Die weiht Dir Segen! – – Damit ich aber jetzt, o sanfte Majestät, Auf meine Heerde,

Deretwegen Ich denn –‘“ Löwens Angesicht Macht augenblicks ihn stumm. „Nun, Seine Heerde –

Herr Demosthen, und weiter kann Er nicht Im Exercitium? Heraus nur! Seine Heerde Weiht Uns von ferne Segen

Und will Uns nicht! Wir aber wollen sie Und geben Uns die Müh Und kommen, Unsern Segen

Geruhend Höchst Wir selbst ihr nah vors Angesicht In Gnaden vorzulegen.“ Schulciceronen Der neuen Rednerei

An Rectorats- und Galatägen, In Redners Munde Heil und Segen, Musik dabei! Und auf Kathederthronen,

Ihr Ciceronen, Seid Ihr nicht frei??? „Wend' Er Sich hinter Uns, Ambassadeur!“ Und sieht ihn quer

Erschrecklich an. Der Bock geht ohn' Beschwer Hinter ihm her. Der Leu schritt weiter hin. „Sieh, wie sie fliehn!

Dazu nun, bärt'ger Herr, verschoneten Wir Ihn. Geh Er, und sag Er: Wir belieben, Daß sie sich nicht zerstieben, Und führ Er sie uns her!“

Der Bock thut's ohn' Beschwer; Und sagt man, hat er sich hier mehr gebläht, Orator jetzt für Königs Majestät, Als einst für all sein Heer.

Demosthenes und Cicero – Man sagt, sie machten's ohngefährlich so! Und Du, Frau Freiheitkaklerin Zu unsrer Zeit, kakl' immerhin!

Der Löwe hört Dich nicht, Er spricht Dich nicht! Und wir in jubilo, Wir singen Löwens Angesicht

Und sahn es nicht Und sehn es nicht, Wie einst Octavio Sein Freund und Zecher sang Io!

Und er versteht uns nicht. Io! io!

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