Skip to content
1773

15. Das Mädchen am UferEnglisch

Johann Gottfried Herder

Die See war wild im Heulen Der Sturm, er stöhnt mit Müh, Da saß das Mädchen weinend, Am harten Fels saß sie,

Weit über Meeres Brüllen Warf Seufzer sie und Blick; Nicht konnts ihr Seufzer stillen, Der matt ihr kam zurück.

„Ein Jahr nun hin und drüber! Ein Jahr voll bitterm Weh! O warum gingst du, Lieber, Und trautest dich der See?

Hör auf, hör auf zu toben, O Sturm, und gönn' ihm Ruh! Hier in der Brust das Toben, Ach! wütet mehr als du.

Der Kaufmann Schäzegierig, Verzweifelnd flucht er dir; Was ist Verlieren Schäze, Zu dem, was ich verlier'?

Und würfst du ihn auf Küsten Von Gold und Demant schwer; Ein' Reich're kann er finden, Ein' Treu're nimmermehr.„

So seufzend, weinend lag sie, Erharrend ihn zu sehn. In jeden Sturm floß Seufzen, In jede Wog' eine Thrän';

Als schnell auf weissen Wellen Ein blasser Leichnam schwamm, Todt sank auf ihn das Mädchen, Es war – ihr Bräutigam.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
15. Das Mädchen am UferEnglisch · Johann Gottfried Herder · Poetry Cove