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1815

Die Kinder in der Fremde

Luise Hensel

Ach Mutter! bleibst so lange, Es wird uns Kindern bange, Der Abend ist so kalt; Die Winde schaurig wehen

Und lange Schatten gehen Und Löwen brüllen durch den Wald. Weit sind wir heut gegangen Und tragen nun Verlangen

Nach unsrer Mutter Schooß; Komm, trockne unsre Thränen, Lös' auf dies bange Sehnen, Mach' unsre müden Herzen los.

Du sagtest uns am Morgen: Wir sollten ohne Sorgen Von deiner Schwelle gehn; Wenn wir den Berg erklommen

Und wenn die Nacht gekommen, Dann würden wir dich wiedersehn. Wir mußten mühsam wallen Und viele sind gefallen

Und mancher ging voran. Oft mußten wir auch weinen; Durch Dornen und auf Steinen, Durch Hitz' und Sturm ging unsre Bahn.

Nun geht der Tag zu Ende, Drum heben wir die Hände Und suchen deine Hand; Thu' auf die traute Zelle!

Sind wieder an der Stelle, Da du uns hast hinausgesandt. Laß uns in grünen Wiegen Im weißen Hemdlein liegen

So tief und still und dicht; Laß Thränen uns befeuchten, Laß auf uns niederleuchten Dein ewig klares Mondgesicht.

Den Schleier, blau gewoben, Den breite weit aus oben, Drin laß uns hoffend ruhn. Einst wird es wieder tagen,

Dann wird der Vater sagen: „Steht auf, ihr Kindlein, alle nun!“

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