Skip to content
1826

Das Vöglein im Käfig

Luise Hensel

Ein Vöglein sitzt gefangen Im engen Kerker sein Und schlägt die Eisenstangen Mit wunden Flügelein.

Es weht zu ihm herüber Der frohen Brüder Lied; Bald nah, bald fern vorüber Manch freier Vogel zieht.

Wie möcht' es auch so gerne Durch blaue Lüfte ziehn; Wie blickt es in die Ferne Nach frischer Wälder Grün.

Wie fröhlich wollt' es loben Mit süßem Sang und Klang Den Herrn im Himmel droben Sein kurzes Leben lang. –

Arm Vöglein mag nicht singen, Ist traurig und allein, Thut auf und nieder springen Im engen Kerker sein.

Und singt es einmal leise Mit krankem Schnäbelein, So klingt nur Trauerweise Tief aus dem Herzen sein. –

Ach, Vöglein, dein Verlangen, Das fühl' ich all mit dir; Dein Sehnen und dein Bangen Brennt auch im Busen mir.

Mich zieht nach Südens Auen Wie dich der Sehnsucht Schmerz: Den Bruder möcht' ich schauen, Ihm sinken an das Herz.

Mit ihm dann wollt' ich loben In süßem Sang und Klang Den Herrn im Himmel droben Mein ganzes Leben lang.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Das Vöglein im Käfig · Luise Hensel · Poetry Cove