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1837

3. Der Morgenwind

Luise Hensel

Wacht auf, wacht auf, ihr Fluren! Laßt Träumen sein! Dahin ist Nacht und Sorgen, Schaut an den roten Morgen

So hell und frisch und rein! Ich lag in Blumen so tief, so tief, Bis mich der klare Morgen Mit seinem Schimmer rief.

Habt Dank, ihr süßen Blumen! Wie hold ich schlief. Nun schwing' ich meine Flügel Und zieh' durch fremde Fluren,

Wer hemmte meinen Lauf? Flattr' um ferne Hügel, Gehe, wehe, Ihr Blumen auf den Fluren,

Wacht auf! Wacht auf! Nun ist in blauen Lüften Der Morgenwind erwacht! Du hast mit süßen Düften

Die ganze Nacht geklagt. Nun stehst im dunklen Kleide So ferne du und stumm, Und neigst dich tief im Leide

Und siehst dich gar nicht um. „Laßt mich in meinem Leide Nur stille hier verblühn. Es gibt doch keine Freude,

Seitdem die Rose hin.“ Ja, seit die Ros' erblichen, Kann sich kein Gräslein freun. Da ist der Lenz gewichen

Aus diesem ganzen Hain. Du Wurm, der sie zerstochen, O falscher, böser Wurm. Du Sturm, der sie gebrochen,

O wilder, grauser Sturm! Ich tat mich so betrüben, Ein golden Pünktlein kaum Ist mir noch übrig blieben

An meiner Blätter Saum. Wir mögen nicht mehr prangen Mit Farben rot und blau, Wie fällt auf unsre Wangen

Doch nachts so warmer Tau! Der Tau, der brennt und glühet Ach Schwestern, wie so heiß! Und was sonst farbig glühet,

Das wäscht er bleich und weiß. Ja, Schwester, Tau sind Tränen, Sind sie auch oftmals heiß. Ja, namenlos ist Sehnen,

Drum bin ich bleich und weiß. Sonst stand ich blau am Quelle Und sprach: vergiß mein nicht, Hier glüh' ich weiß und helle

Und sage: weine nicht. Wir weißen Rosen blühen Recht wie in Lieb' und Lust, Wir weißen Rosen blühen

Herauf aus ihrer Brust. Sie ist ja nun geschieden Von Leid und Erdenschmerz, Wir Rosen heißen Frieden,

Ach, nimm uns an dein Herz. Ach, hier auf dieser Erde Ist gar nichts zart und rein, Und Kummer und Beschwerde

Engt jeden Busen ein. Laß sein! was hier verglühet, Das wird dort reiner glühn. Laß sein! was hier verblühet,

Das wird dort ewig blühn. Dort, wo die Sel'gen wohnen, Führt einst der Tod dich hin; O Herz, dort gibt es Kronen

Für treuen Duldersinn. Wir lächeln all durch Tränen, Die Blättlein sind so naß. Uns pflanzte heißes Sehnen,

Drum sind wir welk und blaß.

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