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1892

Klingelbeutel

Karl Henckell

Der Klingelbeutel klingelt im Kirchenstuhle: Almosen den Hungerleidern in unsrer Schule! Viel hundert Kinder hungern von Tag zu Tage, Die „Presse“ schreibt es, das Faktum ist außer Frage;

Barmherzig war der biedere Bürger von je, Mit eurem goldenen Herzen, o stillt das Weh! Den braven Bürger kitzelt's gütig und gruselt's, In seinem faulen Hirne dämmert's und duselt's.

Am Hungertuche – kaum glaublich scheint die Geschichte – Vorläufig gebe man ihnen Erbsengerichte! Drei Deziliter! Hülsenfrüchte sind gut, Fleischkost, ja, ja, verdickt und verdirbt das Blut.

Nun wird der Rahm der Humanität gebuttert, Die armen Kinder privatwohltätig gefuttert: Des echten Christen Wohltat muß sich verzinsen, Drum opfern mild wir Erbsen, Bohnen und Linsen.

Der Fabrikant bekreuzt sich und denkt: Parbleu! Helft, helft! Die industrielle Reservearmee! Ich aber sage euch: Alles muß anders werden, Ein groß Geräusch wird fahren über die Erden!

Aus allen Winkeln hör' ich es heimlich brausen, Meine dunkle Seele durchzuckt ein leuchtend Grausen: Der Klingelbeutel empörter Natur geht um, Ihren Kreuzer die Dirne opfert und weinet stumm.

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