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1826

Caput XXIII

Heinrich Heine

Aus dem Spuk der Hexenwirtschaft Steigen wir ins Tal herunter; Unsre Füße fassen wieder Boden in dem Positiven.

Fort, Gespenster! Nachtgesichte! Luftgebilde! Fieberträume! Wir beschäft'gen uns vernünftig Wieder mit dem Atta Troll.

In der Höhle, bei den Jungen, Liegt der Alte, und er schläft Mit dem Schnarchen des Gerechten; Endlich wacht er gähnend auf.

Neben ihm hockt Junker Einohr, Und er kratzt sich an dem Kopfe Wie ein Dichter, der den Reim sucht; Auch skandiert er an den Tatzen.

Gleichfalls an des Vaters Seite Liegen träumend auf dem Rücken, Unschuldrein, vierfüß'ge Lilien, Atta Trolls geliebte Töchter.

Welche zärtliche Gedanken Schmachten in der Blütenseele Dieser weißen Bärenjungfraun? Tränenfeucht sind ihre Blicke.

Ganz besonders scheint die jüngste Tiefbewegt. In ihrem Herzen Fühlt sie schon ein sel'ges Jucken, Ahndet sie die Macht Cupidos.

Ja, der Pfeil des kleinen Gottes Ist ihr durch den Pelz gedrungen, Als sie ihn erblickt – O Himmel, Den sie liebt, der ist ein Mensch!

Ist ein Mensch und heißt Schnapphahnski. Auf der großen Retirade Kam er ihr vorbeigelaufen Eines Morgens im Gebirge.

Heldenunglück rührt die Weiber, Und im Antlitz unsres Helden Lag, wie immer, der Finanznot Blasse Wehmut, düstre Sorge.

Seine ganze Kriegeskasse, Zweiundzwanzig Silbergroschen, Die er mitgebracht nach Spanien, Ward die Beute Esparteros.

Nicht einmal die Uhr gerettet! Blieb zurück zu Pampeluna In dem Leihhaus. War ein Erbstück, Kostbar und von echtem Silber.

Und er lief mit langen Beinen. Aber, unbewußt, im Laufen, Hat er Besseres gewonnen Als die beste Schlacht – ein Herz!

Ja, sie liebt ihn, ihn, den Erbfeind! Oh, der unglücksel'gen Bärin! Wüßt der Vater das Geheimnis, Ganz entsetzlich würd er brummen.

Gleich dem alten Odoardo, Der mit Bürgerstolz erdolchte Die Emilia Galotti, Würde auch der Atta Troll

Seine Tochter lieber töten, Töten mit den eignen Tatzen, Als erlauben, daß sie sänke In die Arme eines Prinzen!

Doch in diesem Augenblicke Ist er weich gestimmt, hat keine Lust, zu brechen eine Rose, Eh' der Sturmwind sie entblättert.

Weich gestimmt liegt Atta Troll In der Höhle bei den Seinen. Ihn beschleicht, wie Todesahnung, Trübe Sehnsucht nach dem Jenseits!

„Kinder!“ – seufzt er, und es triefen Plötzlich seine großen Augen – „Kinder! meine Erdenwallfahrt Ist vollbracht, wir müssen scheiden.

Heute mittag kam im Schlafe Mir ein Traum, der sehr bedeutsam. Mein Gemüt genoß das süße Vorgefühl des bald'gen Sterbens.

Bin fürwahr nicht abergläubisch, Bin kein Faselbär – doch gibt es Dinge zwischen Erd' und Himmel, Die dem Denker unerklärlich.

Über Welt und Schicksal grübelnd, War ich gähnend eingeschlafen, Als mir träumte, daß ich läge Unter einem großen Baume.

Aus den Ästen dieses Baumes Troff herunter weißer Honig, Glitt mir just ins offne Maul, Und ich fühlte süße Wonne.

Selig blinzelnd in die Höhe, Sah ich in des Baumes Wipfel Etwa sieben kleine Bärchen, Die dort auf und nieder rutschten.

Zarte, zierliche Geschöpfe, Deren Pelz von rosenroter Farbe war und an den Schultern Seidig flockte wie zwei Flüglein.

Ja, wie seidne Flüglein hatten Diese rosenroten Bärchen, Und mit überirdisch feinen Flötenstimmen sangen sie!

Wie sie sangen, wurde eiskalt Meine Haut, doch aus der Haut fuhr Mir die Seel', gleich einer Flamme; Strahlend stieg sie in den Himmel.“

Also sprach mit bebend weichem Grunzton Atta Troll. Er schwieg Eine Weile, wehmutsvoll – Aber seine Ohren plötzlich

Spitzten sich und zuckten seltsam, Und empor vom Lager sprang er, Freudezitternd, freudebrüllend: „Kinder, hört ihr diese Laute?

Ist das nicht die süße Stimme Eurer Mutter? Oh, ich kenne Das Gebrumme meiner Mumma! Mumma! meine schwarze Mumma!“

Atta Troll mit diesen Worten Stürzte wie 'n Verrückter fort Aus der Höhle, ins Verderben! Ach! er stürzte in sein Unglück!

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