Skip to content
1826

Caput XXII

Heinrich Heine

Phöbus, in der Sonnendroschke, Peitschte seine Flammenrosse, Und er hatte schon zur Hälfte Seine Himmelsfahrt vollendet –

Während ich im Schlafe lag Und von Bären und Gespenstern, Die sich wunderlich umschlangen, Tolle Arabesken! träumte.

Mittag war's, als ich erwachte, Und ich fand mich ganz allein. Meine Wirtin und Laskaro Gingen auf die Jagd schon frühe.

In der Hütte blieb zurück Nur der Mops. Am Feuerherde Stand er aufrecht vor dem Kessel, In den Pfoten einen Löffel.

Schien vortrefflich abgerichtet, Wenn die Suppe überkochte, Schnell darin herumzurühren Und die Blasen abzuschäumen.

Aber bin ich selbst behext? Oder lodert mir im Kopfe Noch das Fieber? Meinen Ohren Glaub ich kaum – es spricht der Mops!

Ja, er spricht, und zwar gemütlich Schwäbisch ist die Mundart; träumend, Wie verloren in Gedanken, Spricht er folgendergestalt:

„Oh, ich armer Schwabendichter! In der Fremde muß ich traurig Als verwünschter Mops verschmachten Und den Hexenkessel hüten!

Welch ein schändliches Verbrechen Ist die Zauberei! Wie tragisch Ist mein Schicksal: menschlich fühlen In der Hülle eines Hundes!

Wär ich doch daheim geblieben, Bei den trauten Schulgenossen! Das sind keine Hexenmeister, Sie bezaubern keinen Menschen.

Wär ich doch daheim geblieben, Bei Karl Mayer, bei den süßen Gelbveiglein des Vaterlandes, Bei den frommen Metzelsuppen!

Heute sterb ich fast vor Heimweh – Sehen möcht ich nur den Rauch, Der emporsteigt aus dem Schornstein, Wenn man Nudeln kocht in Stukkert!“

Als ich dies vernahm, ergriff mich Tiefe Rührung; von dem Lager Sprang ich auf, an das Kamin Setzt ich mich, und sprach mitleidig:

„Edler Sänger, wie gerietest Du in diese Hexenhütte? Und warum hat man so grausam Dich in einen Hund verwandelt?“

Jener aber rief mit Freude: „Also sind Sie kein Franzose? Sind ein Deutscher und verstanden Meinen stillen Monolog?

Ach, Herr Landsmann, welch ein Unglück, Daß der Legationsrat Kölle, Wenn wir bei Tabak und Bier In der Kneipe diskurierten,

Immer auf den Satz zurückkam, Man erwürbe nur durch Reisen Jene Bildung, die er selber Aus der Fremde mitgebracht!

Um mir nun die rohe Kruste Von den Beinen abzulaufen Und, wie Kölle, mir die feinern Weltmannssitten anzuschleifen:

Nahm ich Abschied von der Heimat, Und auf meiner Bildungsreise Kam ich nach den Pyrenäen, Nach der Hütte der Uraka.

Bracht ihr ein Empfehlungsschreiben Vom Justinus Kerner; dachte Nicht daran, daß dieser Freund In Verbindung steht mit Hexen.

Freundlich nahm mich auf Uraka, Doch es wuchs, zu meinem Schrecken, Diese Freundlichkeit, ausartend Endlich gar in Sinnenbrunst.

Ja, es flackerte die Unzucht Scheußlich auf im welken Busen Dieser lasterhaften Vettel, Und sie wollte mich verführen.

Doch ich flehte: ‚Ach, entschuld'gen Sie, Madame! bin kein frivoler Goetheaner, ich gehöre Zu der Dichterschule Schwabens.

Sittlichkeit ist unsre Muse, Und sie trägt vom dicksten Leder Unterhosen – Ach! vergreifen Sie sich nicht an meiner Tugend!

Andre Dichter haben Geist, Andre Phantasie, und andre Leidenschaft, jedoch die Tugend Haben wir, die Schwabendichter.

Das ist unser einz'ges Gut! Rauben Sie mir nicht den sittlich Religiösen Bettelmantel, Welcher meine Blöße deckt!‘

Also sprach ich, doch ironisch Lächelte das Weib, und lächelnd Nahm sie eine Mistelgerte Und berührt' damit mein Haupt.

Ich empfand alsbald ein kaltes Mißgefühl, als überzöge Eine Gänsehaut die Glieder. Doch die Haut von einer Gans

War es nicht, es war vielmehr Eines Hundes Fell – seit jener Unheilstund' bin ich verwandelt, Wie Sie sehn, in einen Mops!“

Armer Schelm! Vor lauter Schluchzen Konnte er nicht weitersprechen, Und er weinte so beträglich, Daß er fast zerfloß in Tränen.

„Hören Sie“, sprach ich mit Wehmut, „Kann ich etwa von dem Hundsfell Sie befrein und Sie der Dichtkunst Und der Menschheit wiedergeben?“

Jener aber hub wie trostlos Und verzweiflungsvoll die Pfoten In die Höhe, und mit Seufzen Und mit Stöhnen sprach er endlich:

„Bis zum Jüngsten Tage bleib ich Eingekerkert in der Mopshaut, Wenn nicht einer Jungfrau Großmut Mich erlöst aus der Verwünschung.

Ja, nur eine reine Jungfrau, Die noch keinen Mann berührt hat Und die folgende Bedingung Treu erfüllt, kann mich erlösen:

Diese reine Jungfrau muß In der Nacht von Sankt Silvester Die Gedichte Gustav Pfizers Lesen – ohne einzuschlafen!

Blieb sie wach bei der Lektüre, Schloß sie nicht die keuschen Augen – Dann bin ich entzaubert, menschlich Atm' ich auf, ich bin entmopst!“

„Ach, in diesem Falle“ – sprach ich – „Kann ich selbst nicht unternehmen Das Erlösungswerk; denn erstens Bin ich keine reine Jungfrau,

Und imstande wär ich zweitens Noch viel wen'ger, die Gedichte Gustav Pfizers je zu lesen, Ohne dabei einzuschlafen.“

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Caput XXII · Heinrich Heine · Poetry Cove