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1826

Caput XX

Heinrich Heine

Sonnenaufgang. Goldne Pfeile Schießen nach den weißen Nebeln, Die sich röten, wie verwundet, Und in Glanz und Licht zerrinnen.

Endlich ist der Sieg erfochten, Und der Tag, der Triumphator, Tritt, in strahlend voller Glorie, Auf den Nacken des Gebirges.

Der Gevögel laute Sippschaft Zwitschert in verborgnen Nestern, Und ein Kräuterduft erhebt sich, Wie 'n Konzert von Wohlgerüchen. –

In der ersten Morgenfrühe Waren wir ins Tal gestiegen, Und derweilen der Laskaro Seines Bären Spur verfolgte,

Suchte ich die Zeit zu töten Mit Gedanken. Doch das Denken Machte mich am Ende müde Und sogar ein bißchen traurig.

Endlich müd' und traurig sank ich Nieder auf die weiche Moosbank, Unter jener großen Esche, Wo die kleine Quelle floß,

Die mit wunderlichem Plätschern Also wunderlich betörte Mein Gemüt, daß die Gedanken Und das Denken mir vergingen.

Es ergriff mich wilde Sehnsucht Wie nach Traum und Tod und Wahnsinn, Und nach jenen Reiterinnen, Die ich sah im Geisterheerzug.

Oh, ihr holden Nachtgesichte, Die das Morgenrot verscheuchte, Sagt, wohin seid ihr entflohen? Sagt, wo hauset ihr am Tage?

Unter alten Tempeltrümmern, Irgendwo in der Romagna, (Also heißt es) birgt Diana Sich vor Christi Tagesherrschaft.

Nur in mitternächt'gem Dunkel Wagt sie es hervorzutreten, Und sie freut sich dann des Weidwerks Mit den heidnischen Gespielen.

Auch die schöne Fee Abunde Fürchtet sich vor Nazarenern, Und den Tag hindurch verweilt sie In dem sichern Avalun.

Dieses Eiland liegt verborgen Ferne, in dem stillen Meere Der Romantik, nur erreichbar Auf des Fabelrosses Flügeln.

Niemals ankert dort die Sorge, Niemals landet dort ein Dampfschiff Mit neugierigen Philistern, Tabakspfeifen in den Mäulern.

Niemals dringt dorthin das blöde Dumpf langweil'ge Glockenläuten, Jene trüben Bumm-Bamm-Klänge, Die den Feen so verhaßt.

Dort, in ungestörtem Frohsinn, Und in ew'ger Jugend blühend, Residiert die heitre Dame, Unsre blonde Frau Abunde.

Lachend geht sie dort spazieren Unter hohen Sonnenblumen, Mit dem kosenden Gefolge Weltentrückter Paladine.

Aber du, Herodias, Sag, wo bist du? – Ach, ich weiß es, Du bist tot und liegst begraben Bei der Stadt Jeruscholayim!

Starren Leichenschlaf am Tage Schläfst du in dem Marmorsarge! Doch um Mitternacht erweckt dich Peitschenknall, Hallo und Hussa!

Und du folgst dem wilden Heerzug Mit Dianen und Abunden, Mit den heitern Jagdgenossen, Denen Kreuz und Qual verhaßt ist!

Welche köstliche Gesellschaft! Könnt ich nächtlich mit euch jagen Durch die Wälder! Dir zur Seite Ritt' ich stets, Herodias!

Denn ich liebe dich am meisten! Mehr als jene Griechengöttin, Mehr als jene Fee des Nordens, Lieb ich dich, du tote Jüdin!

Ja, ich liebe dich! Ich merk es An dem Zittern meiner Seele. Liebe mich und sei mein Liebchen, Schönes Weib, Herodias!

Liebe mich und sei mein Liebchen! Schleudre fort den blut'gen Dummkopf Samt der Schüssel, und genieße Schmackhaft bessere Gerichte.

Bin so recht der rechte Ritter, Den du brauchst – Mich kümmert's wenig, Daß du tot und gar verdammt bist – Habe keine Vorurteile –

Hapert's doch mit meiner eignen Seligkeit, und ob ich selber Noch dem Leben angehöre, Daran zweifle ich zuweilen!

Nimm mich an als deinen Ritter, Deinen Cavalier servente; Werde deinen Mantel tragen Und auch alle deine Launen.

Jede Nacht, an deiner Seite, Reit ich mit dem wilden Heere, Und wir kosen und wir lachen Über meine tollen Reden.

Werde dir die Zeit verkürzen In der Nacht – Jedoch am Tage Schwindet jede Lust, und weinend Sitz ich dann auf deinem Grabe.

Ja, am Tage sitz ich weinend Auf dem Schutt der Königsgrüfte, Auf dem Grabe der Geliebten, Bei der Stadt Jeruscholayim.

Alte Juden, die vorbeigehn, Glauben dann gewiß, ich traure Ob dem Untergang des Tempels Und der Stadt Jeruscholayim.

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