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1826

Caput V

Heinrich Heine

In der Höhle, bei den Seinen, Liegt gemütskrank auf dem Rücken Atta Troll, nachdenklich saugt er An den Tatzen, saugt und brummt:

„Mumma, Mumma, schwarze Perle, Die ich in dem Meer des Lebens Aufgefischt, im Meer des Lebens Hab ich wieder dich verloren!

Werd ich nie dich wiedersehen, Oder nur jenseits des Grabes, Wo von Erdenzotteln frei Sich verkläret deine Seele?

Ach! vorher möcht ich noch einmal Lecken an der holden Schnauze Meiner Mumma, die so süße, Wie mit Honigseim bestrichen!

Möchte auch noch einmal schnüffeln Den Geruch, der eigentümlich Meiner teuren schwarzen Mumma, Und wie Rosenduft so lieblich!

Aber ach! die Mumma schmachtet In den Fesseln jener Brut, Die den Namen Menschen führet, Und sich Herrn der Schöpfung dünkelt.

Tod und Hölle! Diese Menschen, Diese Erzaristokraten, Schaun auf das gesamte Tierreich Frech und adelstolz herunter,

Rauben Weiber uns und Kinder, Fesseln uns, mißhandeln, töten Uns sogar, um zu verschachern Unsre Haut und unsern Leichnam!

Und sie glauben sich berechtigt, Solche Untat auszuüben Ganz besonders gegen Bären, Und sie nennen's Menschenrechte!

Menschenrechte! Menschenrechte! Wer hat euch damit belehnt? Nimmer tat es die Natur, Diese ist nicht unnatürlich.

Menschenrechte! Wer gab euch Diese Privilegien? Wahrlich nimmer die Vernunft, Die ist nicht so unvernünftig!

Menschen, seid ihr etwa besser Als wir andre, weil gesotten Und gebraten eure Speisen? Wir verzehren roh die unsern,

Doch das Resultat am Ende Ist dasselbe – Nein, es adelt Nicht die Atzung; der ist edel, Welcher edel fühlt und handelt.

Menschen, seid ihr etwa besser, Weil ihr Wissenschaft und Künste Mit Erfolg betreibt? Wir andre Sind nicht auf den Kopf gefallen.

Gibt es nicht gelehrte Hunde? Und auch Pferde, welche rechnen Wie Kommerzienräte? Trommeln Nicht die Hasen ganz vorzüglich?

Hat sich nicht in Hydrostatik Mancher Biber ausgezeichnet? Und verdankt man nicht den Störchen Die Erfindung der Klistiere?

Schreiben Esel nicht Kritiken? Spielen Affen nicht Komödie? Gibt es eine größre Mimin, Als Batavia, die Meerkatz'?

Singen nicht die Nachtigallen? Ist der Freiligrath kein Dichter? Wer besäng den Löwen besser Als sein Landsmann, das Kamel?

In der Tanzkunst hab ich selber Es so weit gebracht wie Raumer In der Schreibkunst – schreibt er besser, Als ich tanze, ich der Bär?

Menschen, warum seid ihr besser Als wir andre? Aufrecht tragt ihr Zwar das Haupt, jedoch im Haupte Kriechen niedrig die Gedanken.

Menschen, seid ihr etwa besser Als wir andre, weil eu'r Fell Glatt und gleißend? Diesen Vorzug Müßt ihr mit den Schlangen teilen.

Menschenvolk, zweibein'ge Schlangen, Ich begreife wohl, warum ihr Hosen tragt! Mit fremder Wolle Deckt ihr eure Schlangennacktheit.

Kinder! hütet euch vor jenen Unbehaarten Mißgeschöpfen! Meine Töchter! Traut nur keinem Untier, welches Hosen trägt!“

Weiter will ich nicht berichten, Wie der Bär in seinem frechen Gleichheitsschwindel räsonierte Auf das menschliche Geschlecht.

Denn am Ende bin ich selber Auch ein Mensch, und wiederholen Will ich nimmer die Sottisen, Die am Ende sehr beleid'gend.

Ja, ich bin ein Mensch, bin besser Als die andern Säugetiere; Die Intressen der Geburt Werd ich nimmermehr verleugnen.

Und im Kampf mit andern Bestien Werd ich immer treulich kämpfen Für die Menschheit, für die heil'gen Angebornen Menschenrechte.

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