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1760–1826

Eine Frage .

Johann Peter Hebel

Sag, weisch denn selber au, du liebi Seel, was’s Wienechtchindli isch, und heschs bidenkt? Denkwol i sag der’s und i freu mi druf. O, ’s isch en Engel usem Paradies

mit sanften Augen und mit zartem Herz. Vom reine Himmel abe het en Gott de Chindlene zum Trost und Sege gschickt. Er hüetet sie am Bettli Tag und Nacht;

er deckt sie mittem weiche Fegge zu, und weiht er sie mit reinem Othem a, wird’s Aeugli hell und ’s Bäckli rund und roth. Er treit sie uf de Händen in der Gfohr,

günnt Blüemli für sie uf der grüene Flur, und stoht im Schnee und Rege d’ Wienecht do, se henkt er ’nen im Wienechtchindli-Baum e schöne Früehlig in der Stuben uf,

und lächlet still, und het si süeßi Freud, uud Jo, liebi Seel, und gang vo Hus zu Hus, sag

und lueg, der Wienechtchindli-Baum verrothet bald, wie alli Müetter sin im ganze Dorf. Do hangt e Baum, nei lueg me doch

und lueg! In alle Näste nüt as Zuckerbrod! ’s isch nit viel nutz. Die het e närschi Freud an ihrem Büebli, will em alles süeß

und liebli mache, thut em, was es will. Gib acht, gib acht, es chunnt e mol e Zit, se schlacht sie d’ Händ no zsemmen überm Chopf,

und seit: „Du gottlos Chind, isch das mi Dank?“ Jo weger Müetterli, das isch di Dank! Jez do siehts anderst dri ins Nochbers Hus.

Scharmanti bruni Bire, welschi Nuß! Scharmanti rothi Oepfel ab der Hurt! e Gufebüchsli, doch wills Gott der Her ke Gufe drinn! Vom zarte Bese-Ris

e goldig Rüethli, schlank und nagelneu! Lueg, so ne Muetter het ihr Chindli lieb! Lueg, so ne Muetter ziehts verständig uf, und wird mi Bürstli meisterlos, und meint

es seig der Her im Hus, se hebt si b’herzt der Finger uf, und förcht ihr Büebli nit, und seit: „Weisch nit, was hinterm Spie- gel steckt?„

Und ’s Büebli folgt, und wird e brave Chnab; Jez göhn mer wieder witers um e Hus. Zwor Chinder gnug, doch wo me luegt und luegt

schwankt wit und breit ke Wienechtchindli- Baum. Chumm, weidle chumm, do blibe mer nit lang! O Frau, wer het di Muetterherz so gchüelt?

Verbarmt’s di nit, und gohts der nit dur d’ Seel, wie dini Chindli, wie di Fleisch und Blut verwildern ohni Pfleg und ohni Zucht,

und hungerig by andre Chinde stöhn mit ihre breite Rufe, schüch und fremd? Und Wi’ und Caffi schmekt der doch so gut! Doch lueg im vierte Hus, das Gott erbarm,

was hangt am grüene Wienechtchindli-Baum? Viel stachlig Laub, und näume zwische drinn ne schrumpfig Oepfeli, ne dürri Nuß! Sie möcht, und het’s nit, nimt ihr Chind

und wärmts am Buse, luegets a und briegt; der Engel stüürt im Chindll Thränen i. Sel isch nit gfehlt, ’s isch mehr as Marzipan und Zuckererbsli. Gott im Himmel sichts,

und het us mengem arme Büebli doch e brave Ma und Vogt und Richter gmacht, und usem Töchterli ne bravi Frau, wenns numme nit an Zucht und Warnig fehlt.

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