Nach so trauriger Erfahrung Sah nun wohl der edle Munkel, Daß nicht viel mehr anzufangen Mit der gegenwärt'gen Menschheit,
Daß sie welk und abgestanden Und verderbt bis in die Knochen. Kam daher auf den Gedanken, Sich für seinen Zweck ein and'res,
Taugliches Geschlecht von frischen, Unverdorb'nen Lebewesen Allgemach heranzubilden. Erst verfiel er auf die Wilden,
Auf die Kaffern, Hottentotten, Auf die Indianerstämme. Doch es bracht' ein ihm sehr werther, Höchst intelligenter Affe,
Den er hielt in seinem Hause, Ihn auf die Idee, es lieber Zu versuchen mit den Affen, Die ja ein gewisses Anseh'n
Schon genossen auch in seinem Musterstaat als Stammesväter Unsres sterblichen Geschlechtes. Zu vernünftigen Geschöpfen
Würden sie sich bald entwickeln, Dacht' er, wenn man ihnen gäbe, Was bisher sie schwer entbehrten: Sprache, Wissenschaft, Erziehung!
War die Menschwerdung des Affen Denn ein Traum? War dargethan sie Nicht geschichtlich als gelungen In dem Lauf der Jahrmillionen
Auf dem Wege der Entwicklung? Jetzt auf kürzer'm, rascher'm Wege Den Prozeß zu wiederholen, Zu vermenschlichen den Rest auch
Dieser altehrwürd'gen Rasse – Munkels genialer Plan war's. Stracks in einem affenreichen Lande ging er d'ran, zu gründen
Eine große Affenschule, Neben welcher Filialen Zahlreich blühten. Auch in and're Affenländer ausgesendet
Wurden Affen-Missionäre, Affenfänger, Affenjäger, Affentreiber, zuzuführen Munkels hoher Affenschule
Vielversprechende Talente. Edle Frauen strickten Socken, Nähten Jacken für das neue, Sprossende Geschlecht der Brüder.
Zu des löblichen Kulturzwecks Förd'rung wurde rasch gegründet Eine Aktiengesellschaft, Und wie vordem zur Bekehrung
Schnöden Heidenvolks man auszog Mit der Bibel, mit dem Schwerte, Jetzt mit Fibel und mit Bakel Zog man aus, bekehrungseifrig,
Um die Affen zu gewinnen Für das Himmelreich der Bildung. Und gelehrig war der Affe, Lernte sprechen, lernte lesen,
Schreiben, singen, musiziren, Lernte turnen, lernte tanzen. Hei, wie drängten gaffend, lauschend, Zu den Affenschulpalästen
Sich die Leute, zuzuhören Vor den Fenstern, wie da drinnen Sich die muntern Affenjungen Mit Gezeter und mit Lärmen
In den vierundzwanzig Lauten Uns'res Alphabetes übten! – In der Kunst, der wunderbaren, Welche endlich doch erfunden
Unser leuchtendes Jahrhundert: Auszusprechen, was so viele Tausend Jahr' als unaussprechbar Galt: den Mitlaut ohne Selbstlaut –
In dem Hauchen, Pfauchen, Prusten, Zischen, Schnalzen der Lautirkunst Zeigten sich die Affenkinder Menschenkindern überlegen.
Ueber Unruh' nur beklagten Sich der Affenschule Meister, Denn es rissen diese edlen Sprößlinge von den gewissen
Angewöhnungen der Rasse Schwer sich los: von der, zum Beispiel, Ueberall emporzuklettern. Auch vergaßen sie zuweilen
Sich so weit, in langen Stunden Ernsten Unterrichts einander Abzufangen Ungeziefer, Machten auch wohl gar in tollem
Schwarm sich über den Erzieher Her, um ihm den Kopf zu lausen. – Als gebildet nun die Affen, Machten Konkurrenz den Menschen
Sie auf jeglichem Gebiete. Zu den schönen Künsten waren Trefflich sie durch angebornes Nachahmungstalent befähigt.
Ohne Gleichen – selbstverständlich – Waren sie als Bühnenkünstler, Unternahmen Gastspielreisen Mit dem glänzendsten Erfolge.
Posse, Lustspiel, Operette, Parodie – war ihr Gebiet. Kabinets- und Meisterstücke Drastischer und feinster Komik,
Wie man nie sie schaute, waren Die Gesichter, die sie schnitten. Weitberühmte Liedertafeln Hatten sie – Brüllaffen waren
Die Solisten, und sie schlugen Hie und da bei Preiswettsingen Menschliche Gesangvereine. Paviane, faunisch grinsend,
Bildeten sich aus zu Stutzern, Eleganten Pflastertretern, Gaben auch auf Bällen flotte Tänzer ab, und das galante
Wesen, das sie kecklich zeigten Bei den Frauen, war zum Theile Sehr nach dem Geschmack der Letztern. Was die Affenfrauen anlangt,
Thaten sie den Menschenfrauen Bald es gleich und bald zuvor auch In der Kunst des Kokettirens. Immer modisch sich zu kleiden,
Wer verstünde Solches besser Als ein Affe? Sie verstanden Sich mit Zierrat zu behängen, Und mit Quasten, Bändern, Schleifen
Selber der partie honteuse Ihrer Leiblichkeit, den Schwänzen, Reizend-holden Schmuck zu leihen. Selbstverständlich gab es Affen,
Welche literarisch thätig, Affen, welche Bücher schrieben, Rezensirten, redigirten. Selbst an hohen Schulen lehrten
Sie, und Einer, Namens Krallfratz, Bracht' es vom Privatdozenten Zum Rector magnificus. Immer tiefer sank der Mensch,
Immer höher stieg der Affe, Hohe Stellen leicht erklimmend Mit der Flinkheit seiner Rasse. Und er hatte auch im Wedeln,
Wo am Platze war das Wedeln, Viel voraus als Langgeschwänzter. So weit kam's zuletzt, daß mancher Mensch, um Carrière zu machen,
Sich für einen Affen ausgab, Ein sich schlich in Aemter, Würden, Bis zuletzt heraus sich stellte, Daß er von Geburt ein Mensch:
Wurde dann aus seiner Stellung Meist gejagt mit Schimpf und Schande. War's ein Wunder, daß den Menschen, Welche noch auf sich was hielten,
Endlich überlief die Galle Bei des Affenhochmuths Treiben? Auch nicht zu verwundern war es, Daß aus Neid die andern Thiere
In dem Wettstreit zwischen Menschen Und dem Affenthum Partei Für die Ersteren ergriffen. Namentlich verhaßt den Hunden
Waren diese Parvenus, Und den Katzen, edlen Thieren, Ausgezeichnet stets durch Treue Und durch echt erprobte Freundschaft
Für den Menschen. Wo sie konnten, Schnappten Köter nach den Waden, Wollte sagen nach den Beinen Edler Affen, und geputzten
Stolzen Affenfrauen wurde, Wenn in Modetracht sie prunkten, Auf dem Marktplatz, in den Gassen, Von den Krallen böser Katzen
Arg zerfetzt die seid'ne Schleppe, Ja, wenn sie's nicht wollten leiden, Ueberdies zerkratzt das Antlitz. Doch was half's? Die Affen dünkten,
Angelangt auf solcher Höhe, Sich erhaben über Menschen. Nicht zufrieden, daß mit diesen Gleiches Recht sie nun genossen,
Strebten heimlich erst, dann offen Sie den Vorrang anzumaßen Ihrem eigenen Geschlechte. Fragten, was der Mensch vor ihnen
Denn voraus zu haben glaube? Etwa seine Hinterbacken? Diese gönnten sie ihm gerne! – In des Dünkels schnödem Ehrgeiz
Protestirten sie sehr lebhaft Gegen den bekannten Lehrsatz, Daß der Mensch vom Affen stamme. Anfangs schienen sie geneigt noch,
Diesen Lehrsatz umzukehren. Doch da kam ein Stammesbruder Fern aus Indien, aus Benares, Wo sich göttergleich verehrte
Affenschaaren lärmend tummeln In den Tempeln, um die Säulen, Und mit Stolz heruntergrinsen Auf die Frommen, die vor ihnen
Betend liegen auf den Knieen. Einer dieser heil'gen Affen, Der auf Reisen war gegangen, Wünschte von der Stammesbrüder
Neuem Fortschrittsreich, von welchem Bis nach Indien gedrungen War der Ruf, genaue Kunde Einzuzieh'n an Ort und Stelle.
Und empfangen ward mit hohen Ehren dieser edle Fremdling, Ward gefeiert mit Banketten, Wo man sich erging in Reden,
Zahllos Toaste widerhallten. Ein gelehrter Orangutang Trat hervor mit einer Festschrift Zu des hohen Gastes Ehren,
Und nachwies in dieser Schrift er, Daß längst göttliche Verehrung Vom Geschlecht der Menschenkinder Dem Sylvanenvolk gebührte,
Auch gezollt ihm ward im grauen Alterthum von den Aegyptern, Arabern und Afrikanern. Aus den ind'schen Heldenliedern,
Uraltheil'gen, wies er nach, Was von Hanuman sie melden, Der mit seinen Affenschaaren, Hohen Sinnes voll, zu Hilfe
Zog dem Sonnenhelden Rama, Und der jetzt in Indertempeln Glorreich thronet neben Wishnu. Er erwähnte, wie vor Zeiten
Malabar'n und Ceylonesen Zahlten siebenhunderttausend Stück Dukaten für den einen Heil'gen Zahn aus Affenmunde,
Den in Andacht sie verehrten, Und der glaubenslosen Fremden War gesallen in die Hände. Er bewies nicht minder gründlich,
Daß selbst von den Griechen, Römern Waren hochverehrt die Affen, Hochverehrt als Waldgottheiten, Als Sylvane, Faune, Satyrn,
Und daß Pan, der große Pan, Nicht der Waldgottheiten größter Bloß, nein, aller Götter größter, Was sein Name schon bedeutet.
Facta solcher Art citirte Noch zu Hunderten der Autor, Und fuhr fort dann, zu beweisen, Daß anjetzo mehr als je
Dem Sylvanenvolk gebühre Hohe göttliche Verehrung. Und da es, wie klar ersichtlich, Von den alten Göttern stamme,
Selber göttlich, sei es kecke, Wind'ge Prahlerei der Menschen, Wenn sie ihrerseits sich gleicher Herkunft rühmten mit den Affen.
Stammten wirklich sie von diesen, Wie sie jetzt so gerne sagten, Könnten sie nur als entfernte Und entartete, verkomm'ne
Sprossen gelten dieses edlen, Dieses göttlichen Geschlechtes. Ungeheuer war, Epoche Machend, dieses Buches Wirkung
Und erregte eine Hochflut Nationalen Selbstbewußtseins, Patriotischer Begeist'rung Im gesammten Volk der Affen.
Nannten fortan sich Sylvane, Satyrn, Faune, Waldesgötter. Für die Lande, wo sie herrschten, Ward erneut der alte Name
Jenes alten, fabelhaften Affenreichs „Lemuria“. Unsern Ausdruck „bestialisch“, Den verbaten sich die Affen,
Nannten das, was wir so nennen, Fortan „menschlich“ und „human“. Lange Zeit sah mit geheimem Stolze Munkel auf die großen,
Auf die glänzenden Erfolge Der von ihm in's Werk gesetzten Bildung, von ihm angebahnten Gleichberechtigung des äff'schen
Mit dem menschlichen Geschlechte. Aber unter den Gelehrten Menschlichen Geschlechts, die schnöd' sich Sah'n verdrängt aus ihrer Stellung
Durch des Faunenvolkes Aufschwung, War ein Mann auch, den wir kennen, Dessen Hochverdienst wir schätzen. Kein Gering'rer war's, als jener
Hohe Meister der Retorte, Munkels chemischer Erzeuger! Ja, verdrängt von seinem Lehrstuhl War der Stoff- und Kraftgebieter,
War der Magier, Wunderthäter, Und ersetzt durch einen eitlen Affengecken – Doktor Krallfratz War sein Name –, welcher auch schon,
Wie verlautete, als thät' er Es zum Hohne seinem Vorfahr, Sich vermaß, auf chem'schen Wege, Elemente bindend, lösend,
Einen Affen zu erzeugen, Einen Simiunkel! – Grimmig War der Haß, den der Verdrängte Warf auf seinen Nebenbuhler;
Grimm'ger, den er warf auf Munkel, Den er selbst erzeugt, und der nun Den Erzeuger in's Verderben Stürzte mit so vielen Andern
Durch des Affenthums Entfess'lung. In Gedanken saß versunken Eines Tages Munkel. Plötzlich Vor ihm stand der greise Meister,
Stand der Kraft- und Stoffgebieter, Stand vor ihm mit vorwurfsvollem, Zornerglühtem Blick, vor welchem Munkel niederschlug die Augen.
Und mit lautem, hartem Vorwurf Anhub jetzt der würd'ge Alte: „Hab' ein Wort mit dir zu reden, Freund und Gönner du der Affen,
Ha! von welchen wahrlich du nicht Stammst, Gebilde meiner Hände! Ja, Gebilde meiner Hände! Wen'ger als mein Sklave bist du!
Bist mein Machwerk – folglich bist du Auch mein Eigen – meine Sache! Kann verschenken dich, verschachern, Kann in Käfig oder Bude
Zeigen dich für Geld auf Märkten, Oder in den Schrank dich werfen, Zu den andern Präparaten; Kann in Spiritus dich setzen,
Stellen dich wie ein Skelett In den Winkel meiner Stube! Dich vernichten kann ich straflos, Wenn es mir beliebt, so wie ich
Dich erschuf! Nicht ein natürlich Menschenkind wie Andre bist du, Und deshalb auch unter'm Schutz nicht Menschlicher Gesetze stehst du.
In den Tiegel, wenn's beliebt mir, Werf' ich dich zum dritten Male, Peitsche dich durch hundert todter Stoffe Bindung, Lösung: gebe
Dich zurück dem Born der Stoffwelt Noch einmal, und rastlos treiben In dem Wirbel der Atome Magst du maniges Jahrtausend,
Bis der Zufall dich zusammen Wieder fegt zum Lebewesen! Her zu mir! folgst du nicht willig, Thu' ich kund, was, zu gefällig,
Ich bisher verschwieg, und ford're Dich zurück von den Gerichten Als mein Eigen, meine Sache!“ – Im Gesichte Munkels kämpften
Bei dem „Her zu mir!“ des Greises Alle Farben: ein Erröthen, Ein Ergilben, ein Ergrünen War's, bis all' die farb'gen Schatten
Optisch-regelrecht verschmolzen In ein kreideweiß Erblassen. Doch zuletzt sich neu ermannend, Nach gedankenvoller Pause
Muthiger das Haupt erhebend Und mit scharfem Blicke messend Seinen grollenden Erzeuger, Sprach er dumpf, gemess'nen Tones:
„Hast du Kunde nicht vernommen Von Mohammed, dem Profeten, Weshalb er in Thon, in Farben Nachzubilden Menschenwesen
Streng verboten seinem Volke? Weil die Statuen, die Bilder, Lehrt' er, von dem Mann, der frevelnd Nachgeäfft die schöpferische
Gottesurkraft, Menschen formend, Vampyrgleich, gespenstig, plötzlich Vor ihn treten, eine Seele Von ihm heischend – eine Seele,
Und da er, der Stümper, ihnen Diese nicht vermag zu geben, In geheimnißvoller Art sich An ihm rächen, Unheil bringend,
Und ihn ins Verderben stürzend! – So verachte denn auch du nicht Dein Geschöpf, o weiser Meister! Denn es könnte, sich ermannend,
Ueber's Haupt dir wachsend, heischen, Was du nicht vermagst zu geben. Könnte Rache an dir nehmen, Statt gehofften Dank zu zollen,
Könnte dir auch Unheil bringen! Besser mag's darob uns ziemen, Daß wir uns die Hände reichen, Besser, daß wir Frieden schließen
Und den alten Bund erneuern!“ – Nicht ganz wirkungslos verhallten In des greisen Hörers Ohren Des Homunkels dumpfe Worte.
Schweigend schlug er ein, als Munkel, So die Friedenshand ihm reichend, Bat, das Schweigen zu bewahren, Das mit blanken Rollen Goldes
Vorlängst er von ihm erkaufte. War bekannt auch, daß geschaffen Der gelehrte Tausendkünstler Einen lebenden Homunkel,
Niemand wußte, niemand ahnte, Wer er sei und wo er weile, Dieser lebende Homunkel. Zu bewahren dieses Schweigen
Fernerhin so wie bisher auch, Bat nun Munkel den Erzeuger, Und dafür mit feierlichem Schwur gelobt' er, kühn entgegen
Fortan sich mit allen Kräften Aeff'schem Uebermuth zu stellen. Bald nachher bei einem großen Satyrfestmahl wurden Reden,
Unverschämt und feind den Menschen, Wie sie üblich nun, gehalten. Mit geheucheltem Bedauern Aeußerte sich ein Gorilla,
Daß der Niedergang des Menschen Unleugbar – und auch nicht minder Unaufhaltsam: sei in manchen Gegenden er doch verdummt schon
Völlig und verthiert und friste Nur als Hausthier noch sein Leben In bemittelten Familien Edler Faune. Als Beweis dann
Unverdienten, selbstlos-milden Sinns von Seiten der Sylvane Gegen dieses undankbare Menschliche Geschlecht erwähnt' er,
Daß gebildet in den höher'n Faunenkreisen jüngst ein großer „Philanthropischer Verein“ sich, In Betracht zu zieh'n, mit welchen
Mitteln wieder aufzuhelfen Dem gesunkenen Geschlechte, Und es wieder zuzuführen Einer höhern Bildungsstufe.
Von den Meisten ward verfochten, Schuld an dem Verfall der Menschheit Sei die Fleischkost. Denn die Affen, Seit so mächtig sie geworden,
Meinten, weil sie selbst, als Affen, An die Pflanzenkost sich hielten, Sollten auch die andern Thiere, Menschen, Löwen, Adler, Fische,
Lurche, Würmer und Insekten Sich's versagen, Fleisch zu essen. Kurzweg ward gestellt der Antrag, Daß man alle Thiergeschlechter,
Und zumal den Menschen, zwinge, Auch in diesem Punkt dem edler'n Brauch, dem reineren Gesetz sich Des Sylvanenthums zu fügen.
Diesen höhnisch dreisten Neu'rern Trat entgegen Munkel; schüchtern Wagt' er es, in wohlgesetzter, Läng'rer Rede zu betonen
Unmaßgeblich Dies und Jenes, Und die Freunde, die so Vieles, Die schier Alles ihm verdankten, Zur Bescheidenheit zu mahnen.
Ob des wohlgemeinten Zuspruchs Zürnten ihm die Uebermüth'gen; Und die ihn zuvor gepriesen Als des Satyrvolks Prometheus,
Schalten jetzt ihn Ignoranten, Tropf und Schwachkopf. Was er wolle? Sei er doch am Ende selber Nur ein Mensch – noch lang' kein Affe!
Mehr noch. Man begann zu munkeln Allgemach schon, daß der große, Stolze Munkel – ein Homunkel; Daß ihn nicht der „Storch“ gebracht,
Daß er – wie so mancher And're – Nicht der Sohn sei seines Vaters. And're endlich sprachen gar ihm Die organische Natur ab
Und erklärten ihn für einen Ganz gemeinen Automaten. Diese Letzter'n, von frivoler Neugier aufgestachelt, machten
Frech und boshaft einen Anschlag, Ihn in Stücke zu zerlegen: Wollten so gemach sein inn'res Trieb- und Räderwerk studiren
Und es dann als alt Gerümpel Werfen auf den Kehrichthaufen – Während Jene, die ihn gelten Ließen doch als Organismus,
Als gelungenen Homunkel, Sich damit begnügen wollten, Auf der anatom'schen hohen Schule ihn vivisektorisch
Zu behandeln, dann als Mumie Seinen Leichnam zu verwahren In dem städtischen Museum, Für die Nachwelt zur Belehrung.
Solcher Undank ist der Welt Lohn! Mit genauer Noth entzog sich Diesen tück'schen Plänen Munkel Durch die Flucht.
Auch von den Menschen Sah er jetzt sich angefeindet Mit Erbitt'rung. Sein Bemühen, Einst als genial gepriesen,
Dess' Gelingen ihn zum Heros Aller Zeiten schien zu machen: Zu vermenschlichen den Affen – Dieses selbe kühne Wagniß
Ward geschmäht nun als mißlungen Vom erboßten Menschenvolke; Als mißlungen, ja, so schmählich, Wie es stets mißlingen müsse,
Wenn der Meister ein Homunkel. Zwar gebildet, hieß es, seien Nun die Affen, doch sie seien Immer Affen doch geblieben:
Und dies gelte sowohl physisch Als moralisch: denn sie hätten Kein Gemüth, und was ihr Aeuß'res Anbelangt, trotz aller Bildung
Sei ihr fratzenhaftes Antlitz Schöner um kein Haar geworden. Boshaft, tückisch sei der Affe, Wie er es nur je gewesen;
Ja, die thier'schen Eigenarten Seiner Rasse fielen jetzo Mehr in's Aug' als je, bewährend Jenes altbekannte Sprüchlein,
Daß, je höher steigt der Affe, Um so besser man gewahr wird Seine schwielenreiche, nackte, Widerwärt'ge Hinterseite.
Weise und erfahrne Männer Sagten, still die Köpfe schüttelnd, Affenthum, summirt mit Bildung Und mit Wissen, gebe lange
Noch kein echtes Menschenthum. Auf dergleichen neid-entspross'ne, Ehrenrührige Sarkasmen, Hatten Hanumans, des großen
Affen, Enkel keine Antwort, Als ein würdevolles Grinsen. Ach, der arme Munkel hatte Mit dem großen Ungemache,
Das so schlecht den Kampf ihm lohnte Für der Thierwelt höher'n Aufschwung, Noch das klein're zu verwinden, Das ihn traf im engsten Kreise.
Auch bei Eldo, Dora blühten Keine Rosen dem Erzieher. Mit des Wissens feinstem Manna Wurden sie genährt – gefegt ward
Aller Wahn aus ihren Seelen, Alle Phantasie'n, Gefühle, Schwärmerei'n der Kindheit wurden. Ausgetilgt schon in der Wiege
Bei den zarten Menschenknospen: Doch vergebens; denn die Art, Die Natur, die angestammte, Dieses Knaben, dieses Mägdleins,
Widerstrebte dem Bemühen, Und es war das Endergebniß Nicht im Sinn und Geiste Munkels. Voll Natürlichkeit und Einfalt
Blieben beide, naiv-unschuldig, Blieben schüchtern stets und blöde, Waren frühreif nicht, noch altklug; Thaufrisch blühte Dora, niemals
Litt an Bleichsucht, Hysterie sie; Unverschämt gesund war Eldo. Und sie liebten sich so zärtlich! Liebten sich, wie Kinder lieben!
Munkel zürnte – trug's nicht länger, Stieß das unverbesserliche, Blöde Paar aus seinem Hause. Ackerbauern übergeben
Wurden sie in fremder Gegend – Ach, getrennt, zu ihrem Leide! – Fortan selbst auch hinter'm Pfluge, Hinter einer Lämmerherde,
Hinter Webstuhl oder Spindel Ihren Unterhalt zu suchen. Aber auch das Volk der Faune War nicht glücklich stets in weitaus-
Sehenden Erziehungsplänen. Sie bedünken wollt' es schließlich, Als ob eins nur ihnen fehle Noch, den stolzen Sieg zu krönen
Ueber alle Erdenkinder: Flügel wünschten sie zu haben! Flügel, um sich aufzuschwingen Kühn, wie sonnentrunk'ne Adler,
Ueber dieses an die Scholle Festgebannte, auf zwei Beinen Torkelnde Geschlecht der Menschen. Da kam Munkel's genialem
Nebenbuhler, jenem Krallfratz, Der Gedanke, seiner würdig: Eine höhere, beschwingte Faunenspezies zu züchten.
Und indem er einen Eh'bund Zwischen einem Orangutang Schloß und einem Drachenweibchen, Ward erzielt aus solcher Ehe
In der That ein Flügeläffchen, Welches vorderhand, als Säugling, Drollig und possierlich aussah. Füße, Hände wie sein Vater
Hatt' es, Flügel wie die Mutter, War verseh'n mit einem schönen, Langen, schupp'gen Drachenschwänzchen! Welch' ein Jubel in Lemurien!
Die gediegensten Erzieher, Die gelehrtesten, die klügsten Lehrer wurden aufgeboten, Den geflügelten Sylvanen,
Seines Volkes Stolz und Hoffnung, Zu der Bildung Meisterstück, Der Gesittung höchstem Wunder Zweifellos heranzubilden.
Aber ach, der Satyrsprößling, Der aus eines Flügeldrachens Mutterschoß an's Licht geborne, Er erwies sich, trotz der Schwingen,
Alsbald als ein seltsam-tolles, Unzähmbares Lebewesen, Und das droll'ge Flügeläffchen Wuchs heran zum ungeschlachten
Ungethüm, in dem verschwistert Unheilvoll dem Faunenwesen Schien die tückische, die wilde, Feurige Natur des Drachen.
Seine Lehrer und Erzieher Biß er wüthend in die Kehlen, Oder peitschte ihre Schläfe Mit dem schupp'gen Drachenschwanze.
Jeder Züchtigung entzog er Leicht sich auf den starken Schwingen. Und nicht minder blöd' als boshaft War er – ein Kretin der Thierwelt!
Gut gelaunt, als Affe, schlug er Purzelbäume, äffte täppisch Nach, was thun er sah die Andern; Doch im Zorn, als Drache, spie er
Flammen – glühend heiße Tropfen Seines gift'gen Geifers stoben Um den Rachen ihm wie Funken Um den Amboß ...
Seltsam war es Anzuseh'n, schier grausig-drollig, Wenn vom Boden das beschwingte Affenungeheuer plötzlich
Sich erhob und mit dem langen Drachenhängeschwanz umherflog, Dann auf einem hohen Wipfel Oder eines Thurmes Spitze
Taglang saß, die Zähne fletschend. Keine Bosheit war ihm fremd, Keine Unnatur und Unzucht. Bitt'res Herzeleid empfanden
Drob die Faune. Dr. Krallfratz Schämte sich in tiefster Seele, Flocht sich eine hänf'ne Geißel, Den Mißrathenen zu bessern.
Dieser aber faßte grinsend Den Gelehrten, riß mit sich ihn In die Lüfte, ließ ihn fallen – Und im nächsten Augenblicke
Fand man unter einem Felsgrat Mit zerschelltem Haupt und Gliedern Diesen Darwin, diesen Haeckel, Diesen Büchner – doch was sag' ich?
Diesen Faust des Affenvolkes! Hell aufloderte die Zornwuth Gegen jenen unglücksel'gen Mischling, das beschwingte Scheusal,
Das entsproßt aus Affensamen War und Drachenblut. Die Hoffnung Vordem und der Stolz Lemuriens, Als ein Auswürfling betrachtet
Ward er nun; man wollt' ihn tödten, Warf mit Steinen ihn, mit Prügeln, Wenn er wiederkam zur Erde, Und verfolgte selbst ins Luftreich
Ihn mit Pfeilen, Flintenkugeln. Doch der Mischling, er verlief sich, Er verflog sich in die tiefste Bergwaldwildniß, die kein Mensch,
Die kein Waldgott noch betreten; Hauste da bei alten Drachen, Seinen Tanten, im Geklüfte. Edleren Ersatz zu bieten
Schien dem Faunenreich das Schicksal. Ein'ge Blößen anfangs hatte Unter seinen fortgeschritt'nen Bildungsreichen Stammgenossen
Sich gegeben der verehrte Heil'ge Affe aus Benares. Aber bald, zum Staunen Aller, Uebertraf er, flugs nachholend,
Was ihm erst gebrach an Bildung Und an hoher Weisheit Alle. War doch Indien seine Heimat, Und man merkte, daß aus heil'gen
Gangesfluten er getrunken, Daß genährt er mit dem Mark sich Von den Früchten heil'ger Haine. Angespornt vom Heldenthume
Seiner Ahnen, das zu würd'gen Er gelernt nun erst in Wahrheit, Rief er auf zu großen Thaten Seine Brüder – einen Kreuzzug
Predigend, um zu befest'gen Allenthalben seines Stammes Herrschaft auf den letzten Trümmern Des verhaßten Menschenthumes.
Nicht zurück mehr wollt' er kehren Nach des heil'gen Ganges Ufern, Wo in träger heil'ger Muße Dumpfen Sinns, obzwar behaglich,
Er genossen Götterehren. Kämpfen wollt' er nun und wirken! Den Entschluß mit Jubel grüßten Seine Brüder; auf den Schild ihn
Hoben sie als Oberfeldherrn Des gesammten Reichs Lemurien, Und in stürmischer Bewegung Reihten sich um ihn die Scharen.
Sie erwählten für ihr Banner Heines „Affensteißcouleuren“ – Und eröffneten den Feldzug, Zum Heloten ganz zu machen
Den verachteten Rivalen, Und sich selbst zu Herr'n der Erde, Welchen göttliche Verehrung Wieder wie in alten Zeiten
Würd' erwiesen von den Völkern. Und des Affen angestammte Kriegestüchtigkeit im Bunde Mit dem neu erworb'nen Wissen,
Bald erprobte sie sich glänzend. Diese Bursche, sie marschirten, Exerzirten, manövrirten Wie die Teufel. Doch vor Allem
Affenmäßig flinkes Wesen War, nicht Hexerei, die Kriegskunst, Die von Sieg zu Sieg sie führte. Leicht erkletterten die Mauern
Diese stürmenden Sylvane, Und zum Kampfgefild erwählten Sie am liebsten Waldgebiete, Wo sie in der Bäume Kronen
Wunderschnell zurück sich zogen Und den Feind mit einem Hagel Von Geschossen überhäuften. Ihre Wachen, ihre Späher
Hingen mit den Wickelschwänzen Auf der Bäume höchsten Aesten, Auf der Thürme höchsten Zinnen, Kündeten mit grellem Aufschrei
Jegliche Gefahr von weitem. Ausgezeichnet durch die technisch- Mathematische Erziehung Und durch die ererbte Kunst,
Umzugeh'n mit Wurfgeschossen, Thaten auch als Artill'risten Sie in off'ner Feldschlacht Wunder. Doch das Schönste war der Anblick
Ihrer Reiterregimenter: Da der Rosse sie entbehrten, Ritt ein Satyr auf dem andern, Und ein dritter auf dem zweiten.
Vor den Gardegrenadieren, Zähnefletschenden Gorillas, Nahmen Reißaus flugs die Menschen. Kurz – die Faune triumphirten
In dem Land, wo die Kultur sie Schlangen gleich genährt am Busen. „König Langhand hoch der Erste!“ Scholl es nun durch ganz Lemurien,
Und aufs Haupt gedrückt dem Feldherrn, Dem erprobten Schlachtenlenker, Ward des Faunenreiches Krone. Als verrauscht der Krönungsjubel,
Ausgeruht die tapfern Scharen, Zog ins Feld zu neuen Kämpfen Mit den Seinen König Langhand. Und von Land zu Land gefesselt
Blieb der Sieg an seine Fahnen. Schließlich galt's noch einen weiten Länderstrich zu unterwerfen, Der bewohnt von Indianern.
Diese rohen Völkerstämme Konnten wohl in regelrechter Kriegesführung sich nicht messen Mit civilisirten Streitern.
Doch sie kannten die Sylvane, Schier wie Brüder, aus den Wäldern, Wo mit ihnen sonst verkehrt sie, Waren wohlvertraut mit ihren
Sinnesarten und Instinkten, Seltsamkeiten und Manieren. Ungebildete Geschöpfe, Wie sie waren, diese Wilden,
Hatten sie sehr wenig Achtung Vor der Bildung, vor dem Wissen, Dünkten sich auf alle Fälle Noch den Affen überlegen,
Ueberlegen an Verstand Und an Mutterwitz als Menschen. Zuversichtlich so ersannen Eine Kriegslist sie, die leider
Zu des edlen Satyrvolkes Großem Schaden sich bewährte. Tag für Tag abfingen schwärmend, Lauernd, mit verweg'ner List sie
Sämmtliche Proviantvorräthe, Bis im Faunenlager einriß Eine Hungersnoth voll Grausens; Und dann plötzlich überfielen
Stürmend sie das Faunenlager; Schrecklich war das Schlachtgeheul. Aber vorbereitet trafen Sie die Gegner. König Langhand
Hatte mit dem Generalstab Seiner besten Feldgelehrten Ausgegrübelt einen Schlachtplan, Der gebaut war auf strategisch-
Taktisch-technisch-planimetrisch- Hygrostatisch-hypsometrisch- Akrobatische Prinzipien. Während nun die schnell in Ordnung
Aufgestellte Satyrvorhut Donnernde Kanonensalven Abgab in die Reih'n der Wilden – König Langhand selbst entrollte
Das Panier des Faunenreiches – Schleuderten und rollten Jene Riesenkörbe, vollgefüllte, In die Reih'n der Waldgottheiten ...
Starr und ehern stand die Phalanx Uns'rer neuen Herr'n der Erde – Nur in den Gesichtern zuckt' es Mit entsetzlichen Grimassen –
Einen Augenblick so standen Unbeweglich sie ... doch plötzlich Lösten sich der Waldgottheiten Reih'n in greulicher Verwirrung:
Und sie warfen hin die Flinten, Warfen hin die stolzen Fahnen, Ließen ab von den Laffetten, Liefen, wüthend einzubeißen –
Mitten darunter König Langhand – In den weitumher verstreuten Inhalt jener Riesenkörbe; Balgten grinsend, zähnefletschend,
Sich um Mandeln, Datteln, Feigen, Ananasse, Kokosnüsse. Aber alle diese Früchte Waren arg versetzt mit Giften,
Scharfen Säften, Koloquinthen; Und indeß die Waldesgötter Heulend sich vor Leibweh krümmten, Stürzten die verthierten Wilden
Ueber sie sich her mit Stöcken, Schlugen todt sie unbarmherzig ... König Langhand einzig wurde Nicht getödtet, nur gefangen
Und für schnödes Geld verhandelt An den wandernden Besitzer Einer großen Thierschaubude. Dieser ließ vor Menschenpöbel
Künste machen den Gefall'nen. Was Verstand war, hohe Bildung, Wurde von der Gaffer blödem Schwarme für Dressur genommen
Und entweiht durch Beifallsgrinsen. Tief empfand der Schicksalswendung Schmach der Held im tiefsten Innern. Schwermuthsvoll am Schwanze nagend,
Wie gefang'ne Faune pflegen, Dacht' er oft der Zeit, wo er noch Nichts war als ein wohlgenährter Heil'ger Affe zu Benares.
Und noch lieber sich versenkt' er In Erinn'rungen der früh'sten Muntern Affenkindheit, wo er Nichts war als ein Affe schlechtweg.
Doch dann faßt er stolz sich wieder Und gelobt, ob auch gerathen In's Verderben durch die Bildung, Mannhaft doch, da er nun einmal
Sich zu höherm Sein erschwungen Durch die Bildung, Werth und Würde Einst'ger Größe zu behaupten, Und verhängter Schmach entfliehend,
Hochgemuth den Tod zu suchen. Und von Stund' an keine Speise Mehr berührt' er, trotzte schweigend Selbst den Drohungen und Prügeln
Seines mitleidslosen Zwingherrn. Eines Morgens fand ihn dieser Regungslos im Käfig sitzend, Grinsend, mit verglasten Augen,
Aber würdevoll. Gedenkend, Was mit ihm nun ging zu Grabe, Hatt' er es verschmäht, auf Vieren Hingestreckt zu ruh'n im Sterben,
Wie ein and'res Waldgethier. Und so saß er todt und aufrecht, Wie der Kaiser Karol sitzt In der Kaisergruft zu Aachen.
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