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1859

Sechster Gesang.Eldorado.

Robert Hamerling

Keine Lust verspürte Munkel, Seinen Schatz, den neu gehob'nen, Und den größern seiner hohen Angeborenen Talente

Irgendwie noch in den faulen Unternehmungen der morschen Alten Welt auf's Spiel zu setzen. Eine neue Welt zu suchen

Ging er aus für höh're Zwecke, Unabhängig von dem Zwange Der Verhältnisse des Welttheils Seine Sendung zu erfüllen,

Zu verwirklichen im höchsten Stile den Homunculismus. Eine Kolonie zu führen In die Fremde, war sein Vorsatz,

Weit hinweg – am liebsten fernhin Nach dem gold'nen Eldorado! Warum sollt' es ihm nicht glücken, Zu entdecken dieses Eiland,

Dieses sel'ge Land des Goldes Fern im Westen, wenn er auszog Als ein anderer Columbus, Mit dem eig'nen und mit Lurlei's

Uebermenschlich feinem Spürsinn Für verborg'ne gold'ne Schätze? – Lange war die Fahrt und mühsam – Mag ein And'rer sie beschreiben –

Und es setzten just die Meut'rer, Wie in solchen Fällen üblich, Auf dem Schiff dem kühnen Führer An die Brust des Degens Spitze –

Da erscholl es: „Land!“ und leuchtend In dem Glanz der Morgensonne Lag vor Aller Augen herrlich Eldorados gold'ne Küste.

Dieses Land, ein Paradies war's Ohne Schlange, reich und blühend. Golderz glomm in Bergestiefen, Flimmert' im Gestein, im Sande.

Milch und Honig floß in Bächen. Stürme gab es nicht im Lenze, Wetter nicht in Sommertagen, Graue Nebel nicht im Herbste,

Schneefall nicht in Winterszeiten. Gärten, Wiesen, Felder grünten Blühten ungedüngt. Es fraßen Keine Raupen an den Blüten,

Keine Wespen an den Früchten, Keine Käfer an den Rinden, Keine Nager an den Wurzeln. Bienen hatten keine Stacheln,

Katzen hatten keine Krallen, Rinder hatten keine Hörner, Esel keine langen Ohren. Keine Eulen, keine Marder

Gab es, Geier nicht noch Habicht, Keine Hunde in den Gassen; Keine Maden gab's im Käse, Keine Motten im Gewande,

Keine Wanzen in den Pfühlen, Keine Ratten in den Kellern, Keine Mäuse in den Löchern, Keine Läuse in den Pelzen,

Keine Flöhe in den Ohren. Keine Würmer in den Nasen, Keine Steine auf dem Herzen, Keine Fliegen im Getränke,

Und kein Haar im Suppentopfe. Friedlich lebten die Bewohner Hin in edler Sitteneinfalt, Ohne Haß und ohne Neid,

Ohne Ehrgeiz, ohne Zwiespalt, Ohne Habgier, ohne Hoffahrt, Ohne Spiegel, ohne Schminke, Ohne Brillen, ohne Krücken,

Ohne Stelzen und Kothurne, Ohne falsche Zähne, ohne Falsche Culs und falsche Waden, Ohne Schulden und Duelle,

Ohne Hörner in der Ehe, Ohne Wortbruch, ohne Treubruch. Nicht Verrückte, nicht Verbrecher Gab's, noch Kranke; nur freiwillig

Starben Greise, eingerostet War und stumpf die Parzenscheere. Keinen Antisemitismus Gab es hier und keine Juden,

Kein Revanchegelüste, keinen Nationalitätenhader. Die Bewohner dieser Gaue Zankten niemals um des Esels

Schatten und des Kaisers Bart sich, Zäumten nie das Pferd beim Schwanz auf, Drehten niemals einen Sandstrick, Machten nie den Bock zum Gärtner,

Faßten nie beim Schwanz den Aal Und ein schönes Weib beim Worte, Zogen niemals das unrechte Schwein beim Ohre aus dem Koben,

Brachen über's Knie die Wurst nicht. Und die Büchse der Pandora Oeffneten sie nie so weit, Daß das Unheil Zeit und Raum fand,

Mit dem Heil herauszuschlüpfen. Keine läst'gen Dilettanten Gab's, und keine Denkmalbettler, Keine literar'schen Strolche,

Keine groben Droschkenkutscher, Keinen unreinlichen Zahnarzt, Keinen Priester, keinen Anwalt, Keinen Arzt und Salbenkrämer,

Keine Schmeichler, keine Flegel, Keine grämlichen Philister, Kein verbummeltes Genie. Ha, wie stürzten sich die gier'gen

Fremdlinge, die Kolonisten, Ueber diese gold'nen Fluren! Und in Schaaren strömten and're Von der alten Welt herüber.

Bald wie Tropfen in der Meerflut War im fremden Schwarm verschwunden Das idyllische, das stille, Sel'ge Volk der Ureinwohner.

Munkel aber ging an's Werk, Im gesegneten Gelände Ruhmvoll einen zeitgemäßen Großen Musterstaat zu gründen.

Müh'voll war das Unternehmen, Langsam schritt die Sache vorwärts, Wie bei allem Großen, Schönen: Langsam wie die Perle reift

In der Muschel, wie der Demant In der Erde, die Versöhnung Unter Oest'reichs Völkerschaften, Die Kultur in Kamerun,

Und der deutsche Geist im Elsaß. Gerne will ich euch berichten, Wenn es nicht zu sehr euch langweilt, Einiges von diesem großen,

Zeitgemäßen Musterstaate. Als die oberste, die erste Macht im Staate ward verkündet Das Gesetz: und zur Verehrung

Ausgestellt in einem Tempel Als Palladium, als Idol, War's in sichtbarer Gestaltung: Die Gestaltung eines ries'gen

Paragraphenzeichens hatt' es, Und gefertigt war's aus Kautschuk, Anzudeuten, daß es biegsam, Daß es schmiegsam, – und es ließ sich

Auf den Kopf sogar auch stellen, Ohne die Gestalt zu ändern. Das Gesetz war Gott und Munkel Sein Prophet. Zur Seit' ihm standen

Die Minister; hinter diesen Stand das Parlament, und hinter Diesem stand die Volksversammlung. Die Partei'n im Parlamente

Nannten sich nach zweiunddreißig Richtungen der Windesrose: Eine Süd-Süd-Ostpartei, Eine Nord-Nord-Westpartei auch

Gab es, u.s.w. Jede Dieser sämmtlichen Parteien Hatte sechs Parteiminister, Welche, je nachdem des Windes

Richtung brachte Gunst und Ungunst, Kamen, gingen, gingen, kamen, Wie Figürlein aus dem Häuschen Bei gewissen Apparaten

Nach des Wind's und Wetters Wechsel. In den Rath der Alten theilte Sich das Parlament – die Rechte Der Vergangenheit vertrat er –

Und den Rath der Jungen, welcher Stets vertrat das Recht der Zukunft: Gegenwart blieb unvertreten. Klein das Ohr und groß die Zunge –

Dieses galt als erstes Merkmal Eines echten Volksvertreters. Worte, stromweis sich ergießend, Der Verstand nur tröpfelnd – dieses

Hatte sich bewährt als rechte, Zweckentsprechend-prakt'sche Mischung In dem Volksvertretungsleben. Hohe Weisheit war's, die Stimmen

Nicht zu zählen, nein, zu wägen. Eine kolossale Wage Stand mit ungeheuren Schalen – Flachen Räumen, breit wie Tennen,

Festgefügt aus eich'nen Bohlen – In des hohen Hauses Mitte. In die ein' und and're Wagschal' Traten die Partei'n, die Fragen

Zu entscheiden, und es stellte Sich heraus, daß diese Wägung Mindestens in gleichem Maße Stets zum Sieg verhalf dem Rechten,

Wie der alte Brauch der Zählung. Aber der Instanzen höchste War, sobald im Parlamente Man das Votum abgegeben,

Des souv'ränen Volkes Stimme. Dies versammelt' auf dem Markte, Oder auch, bei Regenwetter, In den Schenken sich zu letzter,

Zu endgültiger Entscheidung, Die im Staat nicht weiter zuließ Eine höhere Berufung, Und die fertig ihm geliefert

Wurde von den Straßenrednern Und den öffentlichen Blättern. So geartet war der Grundbau Der politischen Verfassung.

Fest- und Feiertage wurden Abgeschafft in Eldorado, Bis auf eins, das, hoch-bedeutsam, Hieß das große „Affenschwanzfest“.

Dieses sinn'ge Fest, entlehnt war's Einem Indianerstamme. Einen Tag und eine Nacht lang Tummelte mit aufgebund'nen

Affenschwänzen in den Wäldern Sich, zu ewigem Gedächtniß Ihrer Herkunft und Verwandtschaft, Fröhlich, fessellos die Menge.

Abgeschafft desgleichen wurden Die gewohnten Heil'gennamen, Auf die man vordem getauft war, Und ersetzt durch klangvoll schöne

Wissenschaftlich int'ressante. Auf dem nächsten Balle sah man Doktor Amphioxus Meyer Walzen mit Monera Schmidt

Und mit Frau Gasträa Schulze. Glänzend war des Musterstaates Fortschritt in des Rechtes Pflege. Die Verhandlungen entschied man

Meistentheils durch Schachpartieen Des Vertheid'gers und des Anwalts Der Gerichte; jezuweilen Auch durch Boxen oder sonst'ge

Balgereien zwischen Beiden. Bei Bestrafung der Verbrecher Gab den Ausschlag stets die Rücksicht Auf Naturgesetze, wie sie

Längst ermittelt die Statistik: Daß in jeder Zeitepoche Nach Gesetzen des Naturlaufs So und so viel Menschen stehlen,

So und so viel sich erhängen, So und so viel mit Injurien Fremder Ehre nahe treten, So und so viel ihres Nächsten

Hausfrau lieben, und so weiter. Demgemäß nun gingen immer Straflos aus so viel Verbrecher Jeder Art, als in dem Genre

Das Naturgesetz erheischte Nach statistischem Ergebniß. Laufen ließ man so an jedem Tage von den Taschendieben

Zeh'n, weil dieses die Normalzahl: Doch der Eilfte ward gehangen. Ganz auf chemisch-physikalisch- Physiologische Prinzipien

Stützte man die Wehrverfassung Und die Art der Kriegesführung. Heeresmassen abzustoßen Lehrte jetzo die Mechanik,

Und statt and'rer Schläge gab es Jetzt elektrische im Felde. Auch erwiesen sich im Nothfall Nützlich Cholerabacillen,

Ungeziefer aller Arten, Bomben, welche platzend plötzlich Mörd'rischen Gestank entluden, Gase, schrille Dissonanzen,

Ohrzerreißende; nebst andern Sinnesfoltern, wie der Scharfsinn Sie ersann, sich überbietend. Anvertraut ward der Armeen

Oberstes Kommando jetzo Professoren, tücht'gen Meistern Der Chemie, Physik, Mechanik. Im Verkehr des Handels galten

Und der Industrie die alten Sprüchlein: „Decipi vult mundus“ – „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Uebervortheilung vermied man

Dadurch, daß gefälschte Waaren Man mit falschem Geld bezahlte. Schließlich war statt wucht'ger Münze Leichtes Werthpapier in Umlauf:

Scheine, Bons, wie man sie nannte, Welche Zwangscours hatten, niemals Eingelöst zu werden brauchten. Jeder Käufer stellte solchen

Bon aus im Betrag des Preises; Der Empfänger gab ihn weiter, Und von Hand zu Hand so gehend, Nützten bald sich ab die Zettel,

Bis beschmutzt, zerfetzt von selber Sie aus dem Verkehr verschwanden. Froh des Seinen ward der Bürger, Steuern gab es nicht noch Zölle,

Und der Staat bestritt die Kosten Der Verwaltung ganz mit Schulden. In den religiösen Dingen Herrschte Duldsamkeit; doch wieder

Eingeführt ward eine heil'ge Hermandad für Tagesmeinung Im Bereich der Wissenschaften: Streng verbrannte man die Ketzer.

In der Journalistik aufging Alles Schriftthum und die Presse Blieb für öffentliche Meinung Tonangebend dadurch, daß sie

Sich zu ihrer Sklavin machte. Auf die Zuchtwahl ward gegründet Ehe- und Familienleben. Neugebor'ne wurden alsbald

Meist verkauft an Kinderhändler. Wer Verlangen trug nach Kindern, Kaufte nach belieb'ger Auswahl Solche in der Kinderhandlung;

Namentlich in der „zum Storch“ Kaufte man sie schön und billig. Ihrem Gatten hatte Lurlei Als des schönsten Ehebundes

Frucht geschenkt ein holdes Knäblein, Eldorados echten Sprößling: Golden waren seine Härlein. Aber, ach, obgleich der Mutter

Treues, reizend-schönes Abbild, Todtgeboren kam zur Welt Dieses goldgelockte Knäblein. Anvertraut den Anatomen

Ward sein Leib, um zu ermitteln Seines frühen Todes Ursach', Seines Tod's noch vor dem Leben. Und es fanden die Zerglied'rer,

Daß des Knäbleins Organismus Unvollständig: wie ja öfters Neugebornen dieses, jenes Glied zu viel, zu wenig mitgiebt

Die Natur in's Leben: etwa Vier statt fünf der Finger oder Zehen – so gebrach dem zarten Sprößling des erles'nen Paares,

Des Homunkels und der Nixe, Ein gewisses für den Blutlauf Dienliches Brusteingeweide: Jener große, weiche Muskel,

Den wir Herz zu nennen pflegen. Sehr zum Leide, zum Verdrusse War es Munkel, daß er seine Vaterhoffnung sah gescheitert:

Gern erprobt hätt' er die höher'n, Feiner'n Künste der Erziehung An dem eigenen Geblüte, An dem echten Sohn und Erben.

Zum Ersatz erwarb er käuflich Aus des Eilands Neugebornen Einen Knaben sich, ein Mägdlein. Reizend waren sie und rosig,

Dieser Knabe, dieses Mägdlein, Arme und verlorne Waisen Eingeborener Familien, Des geringen Ueberrestes

Der verdrängten Ureinwohner, Die noch hie und da, in stillen Buchten Eldorados hausend, Ein idyllisch Leben führten.

Eldo nannte sie und Dora, Weil dem Urstamm Eldorados Rein entsproßt, ihr Pflegevater. Vielversprechend aufzublühen

Schien in edler Vollkraft dieses Schönste Kinderpaar der Insel. Eldo zu der Männer Vorbild, Dora zu der Frauen Muster

Zu erzieh'n nach eig'nem Sinne, Eig'nem Plan, gedachte Munkel. Tadellos zu jener Zeit war Lurlei's Ruf in Eldorado;

Nur daß hie und da gemunkelt Ward im Land von einer kurzen, Aber seltsamen Berührung Uns'rer nixenhaften Schönen

Mit dem „fliegenden Holländer“, Dem bekannten Geisterschiffsherrn, Der verdammt zu ruheloser Irrfahrt auf der öden Salzflut,

Bis ein edles Frauenwesen, Wahrhaft liebend, ihn erlöset Von dem bösen Schicksalsfluche. In der That war dieser Aermste

Auf der ziellos grausen Irrfahrt Einmal auch vorbeigesegelt An dem Eiland Eldorado, Hatt' am Strand erblickt die Lurlei

Ruhend auf besonnter Klippe, Trällernd leis' ein Zauberliedchen, Wie von ihrer Nixenzeit her Sie zu thun noch nicht verschmähte

Manchesmal in müss'gen Stunden – War entbrannt in heißer Flamme Für das Weib, das zauberschöne, Hatt' im Wahn der Leidenschaft sich

Hingegeben der Erwartung, Dieses sei das Frauenwesen, Das er suche, wahrhaft edel, Und bestimmt, ihn zu erlösen.

In Gestalt und mit Manieren Eines schmucken Kapitäns Huldigt' er, an's Land gekommen, Ihr, der nixenhaften Schönen.

Sich're Einzelheiten fehlen; Doch gewiß ist, daß der Arme, Der gespenst'ge Geisterschiffsherr, Unerlöst, um eine bittre,

Schmerzliche Erfahrung reicher, Eines Tag's sehr bleich zurückschlich Auf sein Geisterschiff im Meere ... Gleiche Rechte mit den Männern

Hatten allzumal die Frauen, Saßen auch im Parlamente. Lurlei hatte, muthvoll kämpfend, Durchgesetzt in Eldorado

Lange vorenthalt'ne Rechte; Uebernahm nun selber oft auch Glänzende Vertrauensämter, Würden aller Art im Staate.

Halb begannen zu verzichten Auch auf ihre Tracht die Frauen, Gingen gern in Männerkleidern, Ungezwungenem Verkehr

Der Geschlechter zur Erleicht'rung. Da indeß es umgekehrt auch Männer gab, seltsam geartet, Welche sich als Weiber fühlten,

Weiblich Wesen in sich pflegten, Wurde diesen gern gestattet, Auch zu geh'n in Weiberkleidern, Und es ward verfügt am Ende,

Daß die Landeskinder sämmtlich Vor der Obrigkeit, der hohen, Einzeln hatten zu erklären, Ob sie zu den Männern wollten

Zählen oder zu den Weibern. Selbstverständlich war's, daß Frauen, Welche sich für Männer gaben, Eine Ehe konnten schließen

Mit den Ueberläufern – mit den Männern weiblichen Geschlechtes; Und naturgemäß dann führten Sie das Regiment im Hause.

Mit der Heilkunst auch befaßten Sich die Frauen, und als Regel Wurde festgesetzt, daß Aerzten Männlichen Geschlechts die Frauen,

Weiblichen Geschlechts die Männer Sich erkrankend anvertrauten. Hierdurch ward, merkwürd'ger Weise, Fortan zwar vermehrt die Zahl

Der Erkrankungen beträchtlich, Doch vermindert sehr erheblich Ward die Zahl der Todesfälle. In errungenen polit'schen

Hohen Stellungen verstanden Es die Frau'n, der Untergeb'nen Neigung für sich zu gewinnen, Straften aber auch nichts strenger,

Unnachsichtlicher, als Mangel An Ergebenheit und Treue. In der Kriegskunst schien den Frauen Mancher Lorber auch zu blühen,

Und in off'nem Felde sah man Aus dem Lieblings-Tic der Frauen, Stets das letzte Wort zu haben, Und aus ihrer Ungeneigtheit,

Keckem Angriff feig den Rücken Zuzukehren, Eigenschaften Von soldatisch hohem Werthe Sich entwickeln. –

Und nun laßt mich Schließlich noch ein Wörtchen sagen Von dem Leben, von dem Treiben Der Partei'n in Eldorado.

Musterhafte Disciplin war Eingeführt in dieses Eilands Rührigem Parteienleben. Jeder Einzelne – bei schwerer

Leibes- oder Lebensstrafe War, wie billig, er verpflichtet, Blindlings zuzuschwören einer Von den herrschenden Parteien,

Blindlings dann in allen Stücken Aufzuopfern jener Meinung, Die zufällig just im Schwange War im Schoße der Partei,

Seine bess're Ueberzeugung, Und nichts anders sein zu wollen, Als Partei-Kanonenfutter. Der Zersplitterung der Stimmen

Und der unheilvollen Schwäche Weich-rührseliger Gemüther War gesteuert durch Gesetze, Streng, doch wirkungsreich – wie folgt:

Wer da zu behaupten wagte, Daß die andere Partei auch Nur ein einzigmal im Recht sein Könnt' in der geringsten Sache –

Fünfzig Streiche auf die Sohlen Mit dem Bambusrohr bekam er. Wer der Meinung, daß des Rechtes Und der Sittlichkeit Begriffe

Gelten auch im Völkerleben, Gelten auch im öffentlichen Leben müßten – ward gesteinigt. Wer behauptete, man dürfe

Auch im öffentlichen Leben Kämpfen nicht mit allen Mitteln, Nicht mit Lüge und Verleumdung – Ward gesperrt in's Haus der Irren.

Wer so dreist war, eine Sache Je von einem andern Standpunkt Als dem Standpunkt der Partei, Etwa dem des Rechts, der Wahrheit,

Zu erörtern – ward geköpft. Einer, der in seinem Blatte Einmal ließ verlauten etwas, Dessen Kunde, wenn auch wahr, nicht

Im Int'resse der Partei lag, Während seine Pflicht erheischte, Im Parteiblatt einzig dessen Zu erwähnen, was da Wasser

Auf der Mühle der Partei war, Alles And're zu verschweigen, Zu verdrehen – ward gerädert. Dies die Disciplin, durch welche

Kräftig man zu steuern suchte Der Zersplitterung der Stimmen Und dem Schwachsinn weicher Seelen. Traun! Heilsamen Schreckens voll

Betete im stillen Jeder: „Mit den anderen Parteien Werd' ich fertig; aber schütze, Herr, mich vor den Gleichgesinnten!“ –

Aufrecht stets in wünschenswerther Schneidigkeit und Schärfe hielten Sich im Staat die Gegensätze, Daß so kräftigst und gesündest

Blühte das Parteienleben. Nun geschah es, daß von jenen Einflußreichen Straßenrednern, Die des Volkes Urtheil lenkten,

Mächtig einer sich hervorthat, Schwengel war in allen Glocken, Eine Art von Strolch – die Herkunft Unbekannt, an Rumpf und Gliedern

Zwerghaft fast, doch riesenköpfig, Löwenstimmig, redemächtig. Grob war er wie ein Genie, Und galant wie ein Gorilla.

Riesig stark war er, so daß er Einen ausgewachs'nen Ochsen Zwar nicht auf den Berg hinauftrug, Wie einst Milo, aber aufaß.

Nachgesagt von Feinden, Freunden Ward ihm, daß er seine Mutter Noch als Kind im Mutterleibe Tödtete mit einem Fußtritt.

Aus dem Mund flog ihm das Wort wie Stöpsel aus Champagnerflaschen, Und sein Haupt glich eines Zünders Phosphorköpflein – die geringste

Reibung, und er explodirte. Demokrat vom reinsten Wasser Und leibhaftige Verkörp'rung Sozialistischer Prinzipien

War er in der Volksversammlung. Gegen den, der über ihm stand, Donnert' er: „Gleich sind wir Alle!“ Den hernach, der unter ihm,

Warf er nieder mit dem Zuruf: „Wicht, du willst dich mir vergleichen?“ – Und sein Wort war wie die Windsbraut, Ungeheuren Staub aufwirbelnd,

Und so feurig, wie der Samum, Ungeheuren Brand entfachend In den menschlichen Gemüthern: Ungeheu're Wasserspritzen

Waren nöthig zu besprengen Markt und Gassen und Gemüther, Wenn er öffentlich gesprochen. Leo Hase war der Name

Dieses mächt'gen Volksaufrührers. Noch hatt' er die große Mehrzahl Nicht im Volk auf seiner Seite: Doch die Kühnsten und die Stärksten.

Die Parole, die er ausgab, Lautete: Wir lassen uns Nicht majorisiren!“ – Für das „Recht der Minderheiten“

Eintrat er vor aller Welt! Einberufen eines Tages Hatt' er auf dem off'nen Marktplatz Eine große Volksversammlung.

Um ihn drängte dicht der Schwarm sich. Flugs auf einer alten Tonne Ober'n Deckel, die zufällig Dastand in der Straßenecke,

Sprang er, und von da herunter Schleudert' er in's Volk die wucht'gen Donnerkeile seiner Rede. „Hört!“ so rief er; „einen Landsturm

Bin zu pred'gen ich gekommen – Gegen die verhaßte, alte, Schnöde Tyrannei der Mehrheit! – Diese Tyrannei der Mehrheit

Will ich stürzen, Bahn zu brechen Für die echte, wahre Freiheit, Für das echte, wahre Recht; Und dies Recht, es ist kein and'res,

(Hört!) kein and'res, als das schmachvoll Unterdrückte, lang' verkannte, Heil'ge Recht der Minderzahl! Himmelschreiend ist das Unrecht,

Daß wir Andern deshalb einzig, Weil wir in der Minderzahl, Sklavisch uns dem Willen fügen Sollen jener eitlen Mehrzahl!

Eine neue Staatsverfassung Gilt's zu fordern, die gegründet Auf das heiligste der Rechte, Auf das Recht der Minderheit! –

Beifallsrufe zollte brausend Die Partei dem kühnen Sprecher: Aber greulich ihm entgegen Lärmte die Partei der Mehrheit.

„Nein, ihr Brüder, und ihr Andern Alle hört! Wir lassen uns Nicht majorisiren!“ – Also zeterte der Wilde,

Stampfend auf der Tonne Deckel, Drauf er stand. „Wir lassen uns Nicht majorisiren ...“

Jetzt war der Moment gekommen, Wo, wie's Brauch in solchen Fällen, Brach die Tonne – drauf gewartet Hatten schon die Häscher: eilig

Stürzten sie herbei und rollten Fort im Faß den Demagogen, Rollten ihn bis zu des Kerkers Pforte, die sich krachend aufthat –

Während grimmig auf dem Markt sich Raufte Mehr- und Minderheit. Und der Sieg – er blieb den Stärksten, Blieb den Kecksten. Und ermuthigt

Durch den Glanzerfolg des Tages, Achten sie nicht Schranke weiter Noch Gesetz: vor jenen Kerker Rücken sie in hellen Haufen,

Wo der Held in Banden schmachtet. Und mit wildem Lärm erbrechen Sie die Pforten und befreien Den Gefang'nen: im Triumphe

Tragen sie auf ihren Schultern Durch die Gassen ihn, wo schweigend Und die Augen niederschlagend, Hinschleicht die beschämte Mehrzahl.

Und von da an, auf der Stirne Martyr-Glorienschein vereinend Mit dem Lorber des Erfolges, Feiert stolz er, mit Behagen,

Diese Himmelfahrt des Ruhmes, Folgt dem Ruf zu großen Thaten, Rafft sich auf zum Heldenthume. Er bewaffnet seinen Anhang,

Rückt ins Feld, verschanzt sein Lager, Zieht an sich viel neue Schaaren, Um zu führen dann den Hauptstreich. Alte Sage lebt' im Lande,

Daß in Eldorados Bergen Reiche gold'ne Schätze ruhten. Zwar der Insel stilles Urvolk Hatte, harmlos-glücklich, wenig

Sich um solchen Hort gekümmert; Doch die neuen Kolonisten Schürften emsig nach des gold'nen Erzes Adern im Gefelse.

Eines Kegelberges Gipfel Ragte nah' der Inselhauptstadt, Der, umgrünt von Rebgeländen, Holden Friedens, reichen Segens

Stätte war seit grauer Urzeit. Aber sieh, des hellen Goldes Unerschöpflich reichste Mine War zu Tage nun getreten

In desselben Berges Schoße. Gierig strömten sie zusammen Eldorados neue Bürger, Auszubeuten diesen Erzschacht.

Tief einbohrte sich die Habgier In die goldesschwang'ren Schollen, In den Glimmerfels – vergessen War vom Volke, und vergessen

Selbst, so schien's, vom umsichtsvollen Neustaatsgründer, Neustaatslenker, War von Munkel, was des Neustaats Wohlfahrt, Sicherheit erheischte.

Dessen freute sich im Herzen Leo Hase, der verschmitzte Volksaufrührer, welcher lauernd Mit dem schlagbereiten Heere

Stand im Feld. Es murrten manche Schon der Seinen, daß vergönnt nicht Ihnen auch es sei, zu schürfen Ihren Antheil aus dem Goldschacht.

Aber Leo Hase sagte, Als er Eldorados Mehrzahl, Munkel's Arimaspenvolk, Statt mit Eisen sich zu gürten,

Blind sah nach dem Golde hasten: „Grabt nur nach den goldnen Körnern! Scharrt in eures Angesichtes Schweiß sie lechzend aus der Erde!

Wenn gesammelt ist der Segen Und in Garben steht die Goldsaat, Kommen wir, um sie zu holen! – Langt nur immerhin, ihr „Reichen“,

Aus der heißen Asche für uns, Für uns „Arme“ die Kastanien – Diese goldenen Kastanien! – Die ihr euch gelacht in's Fäustchen

Einst, dieweil wir, eure Taschen Füllend, blut'gen Schweiß vergossen, Finden werdet ihr am Ende, Daß ihr euch für uns bemühet ...“

So mit schrecklicher Geberde Sprach der wilde Volksaufrührer Leo Hase, und die Seinen Brüllten Beifall in der Runde.

Unansehnlich, kampf-unmuthig War die Streitmacht, welche Munkel Endlich doch in letzter Stunde Eilig noch zusammenraffte

Und mit welcher den Rebellen Er in off'nem Feld sich stellte Zu dem Kampfe der Entscheidung. Und die Schlacht, sie ward geschlagen:

Eine Schlacht, nach welcher wochen-, Mondelang die Raben litten Und die Geier in der Gegend An Beschwerden der Verdauung.

Was von Munkel's ganzer Streitmacht Nicht zum Fraße ward den Raben, War zersprengt in alle Winde. Leider zum Entscheidungskampfe

War zu spät gekommen Lurlei's Amazonenschaar, die kühne. Es vernimmt mit Schamerröthen Von des Gatten Niederlage,

Von dem Siege der Rebellen Lurlei die beschwingte Kunde. Sie versinkt in tiefes Sinnen. Aber flugs nunmehr die Spitze

Selbst zu bieten jenem Kecken, Den der Lorbeer schmückt des Sieges, Ist sie muth'gen Sinns entschlossen. „Lieber unterliegen,“ ruft sie,

„Einem kecken Ueberwinder, Als an eines Mannes Seite Müssig ruh'n, der unterlegen!“ Spricht's und macht mit ihren Schaaren

Stracks sich auf, will „Fühlung“ suchen Mit dem Feind, dem trotzig-stolzen Siegeshort der „Minderzahl“. Und bald lagern sie einander

Gegenüber sich: der Heerbann Der Rebellen und die Schaaren Muthbeseelter Amazonen. Angriff ist nicht Frauensache;

Abwehr ist der Frauen Stärke. Und so harrt des Angriffs Lurlei Thatlos, aber unerschrocken. Eines Tags die Ihren mustert

Hoch auf weißem Zelter Lurlei. Vom erhöhten Standort blickt sie Auf die Reihen in der Runde, Auf die Reih'n der Frauenwesen,

Die da steh'n zum Kampf gerüstet In des Morgens frischem Glanze. Und wie einst der Perserkönig Bei der Ueberschau der Seinen

An des Hellesponts Gestade Plötzlich stumm sein Haupt verhüllte, Schwermuthsvoll begann zu weinen, Still gedenkend, was aus dieser

Heldenmacht noch würde werden – So auch plötzlich sah man Lurlei Schwermuthsvoll die Stirne neigen, Eine Thrän' im Aug' ihr blinken.

Und man fragt sie nach dem Grunde Solcher Trauer. Lange schweigt sie ... Aber endlich in die Worte

Bricht sie aus mit tiefem Seufzer: „Ach, ihr stolzen Amazonen, Kraftbeseelt und jung und blühend, Die ihr da so muthig steht,

Siegsgewiß, unwiderstehlich, Reizumstrahlt – in dreißig Jahren Alte Weiber seid ihr alle!“ – Spielend necken sich die Posten,

Unbedeutende Scharmützel Gibt es erst, wobei gefangen Manchmal wird ein unerfahr'nes, Naseweises Amazönchen.

Doch indessen sann im Stillen Kecklich der Rebellenführer, Und nicht minder schlau als keck, Zu entscheiden rasch die Dinge:

Plante nächt'gen Ueberfall. Sehenswerth, traun, werth der Schild'rung, War das Amazonenlager. Wie Stecknadeln sonst wohl zahlreich

In der Frau'n Gewandung stecken, D'ran gar leicht sich ritzt den Finger, Wer da küssen will und kosen: Also staken diese muth'gen

Kriegerinnen voll von Dolchen, Von Revolvern, von Geschossen, Dynamitpatronen – wehe! Losgeh'n sie, ha, explodiren,

Wenn ein Finger sie berührt! – Abends machen sie indessen Sich's doch gern bequem ein wenig. Und des Zeitvertreibes halber

Nach dem Strickzeug greift die eine, And're nähen, and're sticken. Hei, welch' buntes Durcheinander Weiblichen Geräths mit Erzwehr!

Zarte Nadeln, scharfe Lanzen – Seifen- und Kanonenkugeln – Pulver für die Feuerrohre, Poudre, sich zu schminken – Salben,

Um die Wunden einzureiben, Duftige Pomadetöpfchen! – Lurlei hatt' in freien Stunden Sich beschäftigt mit Entwürfen

Von kleidsamen Toiletten Für sich selbst und für die Ihren: Von „Vorposten-Toiletten“, Von „Wachtstubentoiletten“,

„Morgen-Lagertoiletten“, „Angriffs-“, „Abwehrtoiletten“, „Fühlungs-“, „Ueberfallstoiletten“, „Busch- und Hinterhaltstoiletten“,

Und so weiter. Nebenbei auch Wohl erörtert sie im enger'n Kreis der näher ihr Vertrauten

Pläne, die sie hegt im Geiste: Nach dem Sturze der Rebellen Sich nicht mehr mit gleichem Rechte Zu begnügen vor den Männern,

Die so schmählich unterlagen. Schwatzhaft ausgemalt dann werden All' die tausend Konsequenzen, Welche knüpfen an den Vorrang

Sich des weiblichen Geschlechtes. Eben herrschend war im Lager Lurlei's wiederum ein solches Reizendes Sichgehenlassen.

Später Abend war's. Die Haare Hatten eingedreht die Meisten Schon in Wickeln, und in blankem Négligée die Schönen saßen,

Standen, lagen, wie sich's fügte. Unterdessen hatte lauernd Unter eines dichten Nebels Schutz durch's Buschwerk der Rebellen

Horde sich herangeschlichen. Unerwartet, unbegreiflich, Wie gefallen aus den Wolken, Oder wie dem Grab entstiegen,

Stand mit einemmal die Meute Dunkler, bärtiger Gesellen, Finster blickend, höhnisch grinsend, Ihre Wehr bedrohlich schwenkend,

Mitten unter den entsetzten, Schreckensblassen Amazonen. Sollten sie nach ihren Kleidern Greifen oder nach den Waffen?

Sollten sie sich lieber leiblich, Lieber taktisch und strategisch Blößen geben vor dem Feinde? Rathlos schwanken sie – von guten

Kopien der medizä'schen Venus wimmelt's in der Runde. Es verschmähten auch die Meut'rer Ihre Waffen zu gebrauchen.

Suchten, froh des ausgezeichnet Raschen, glänzenden Erfolges Dieser kühnen Ueberrump'lung, Sich auf guten Fuß zu setzen

Mit den Zorn- und Schamerglühten. Halfen ihnen schließlich selber Zu ergänzen die Toilette, Trösteten die, welche schluchzten,

Riefen neu zurück in's Leben Jene, die in Ohnmacht fielen. Aber manches Mannweib gab es In der Meut'rerhorde Leo's,

Männlicher als all' die andern Wilden bärtigen Gesellen. Diese Ueberläuferinnen Des Geschlechts, sie warfen frech sich

Auf die armen, überraschten Einstigen Geschlechtsgenossen, Grüßten sie mit Hohngelächter Und mit unverschämten Küssen,

Bis die Männer, schamerröthend, Sie mit manchem derben Faustschlag Nach dem Hintergrunde trieben. Friede ward indeß geschlossen

Zwischen Lurlei und dem Führer Der Rebellen, und vereinbart Die Artikel des Vertrages. Freier Abzug für das ganze

Wack're Heer der Amazonen, Lurlei einzig ausgenommen, Ward gewährt, mit der Bedingung, Daß man sich gedulden solle

Bis zum Morgen mit dem Aufbruch. Als so leidlich überwunden War der erste Schreck der Frauen Und die Scham der Niederlage,

Wurde viel gezecht, geschmaus't, Viel gesungen auch, und schließlich In den Zelten und im Freien – Es war eine schöne Mondnacht –

Auch getanzt. Bei fortgeschritt'ner Laune bildeten sich Pärchen Zwischen Siegern und Besiegten, Und es ward nun viel geplaudert,

Viel gelacht, und auch geschäkert Hie und da an trauter Stelle, Und es schluchzte Keine mehr, Keine fiel nun mehr in Ohnmacht,

Während Lurlei die Artikel Des Vertrags in's Reine brachte Mit dem Führer der Rebellen, Der sich fügsam zeigt' in Allem,

Nur nicht darin, mit den andern Frau'n auch Lurlei frei zu geben. Und so herrschte denn ein leidlich Einvernehmen, bis die Sieger

In die Haare sich geriethen Und sich zwischen ihnen selber Kleine Prügelei'n ergaben, Wenn sie über die Bewachung

Und die sonstige Behandlung Ihrer weiblichen Gefang'nen Eins zu werden nicht vermochten. Lurlei, die vor Scham und Aerger

Einen Dolch in's Herz im ersten Augenblick sich stoßen wollte, Dann mit dem Rebellenführer Aufgesessen war die Nacht durch,

Ueber des Vertrags Artikel Im Detail sich zu verständ'gen, Lernte kennen, lernte schätzen Nebenbei in diesem Führer

Einen Mann auch von Charakter, Energie, gewalt'gen Gaben. Und da Munkel nun gestürzt war, Nah' der Untergang des Reiches,

Galt es in das bitt're Loos sich Der Gefangenen zu schicken Und dem neuen Stern zu folgen, Wohin er sie führen würde.

Nach der Hauptstadt bricht am Morgen Auf mit seinem sieggekrönten Heerbann der Rebellenführer, Um sie in Besitz zu nehmen:

Sie mitsammt der gold'nen Beute. Auf dem Wege kommt entgegen Ihm ein wunderbar Ereigniß. Nach der heiter'n Kriegskomödie,

Kriegsidylle dieser Nacht, Welch' ein tragisches Geschehen! Welch' ein riesiges Verhängniß! Jener hohe Bergeskegel,

Der gelegen nah' der Hauptstadt, Und in dessen tiefste Schachte Eingewühlt sich maulwurfartig Die Begier nach lichtem Golde –

Dieser Berg beginnt nun plötzlich Tief in seinem Grund zu beben Und zu donnern – aufzusperren Einen ries'gen Flammenrachen.

Rauchgewölk erst wallte, Asche Rieselte, Glutfunken stoben, Und zuletzt sein Gold in glühend Heißen, in geschmolz'nen Massen

Wirft er aus! – Gold ist die Lava Dieses neuen Feuerkraters, Welche theils wie Regenfluten Aus den Lüften niederprasselt

Auf die Stadt und auf das Eiland, Theils in gelben Feuerströmen Sich hinunterwälzt in's Flachland, Ueberschwemmend und versengend.

Viele kommen um im Kampfe Mit den gold'nen Flammenwogen. Aber die noch leben, stürzen Mit unsäglicher Begier sich

Auf die Goldflut – in Gefäße Schöpfen sie den Schatz, und Jeder Rafft an sich, was er vermag – So entspinnt ein grimmer Kampf sich,

Und schon mischt sich Blut dem Goldstrom. Auf des Volks verwirrt Getümmel Mit der wohlbewahrten Heerschaar Wirft sich der Rebellenführer,

Drängt zurück es von der Stätte, Wo der Goldschatz gleißend lockt – Doch nun stürzen auch die Krieger Blindlings auf die blanke Flut sich,

Achten nicht Befehl, noch Mahnung, Kämpfen, tödten sich im Wettstreit – Raserei und Wahnsinn herrschen. Munkel hat, wie all' die Andern

In des Golddursts wildem Fieber Sich gestürzt in diesen Wettkampf. Er mit Wenigen noch rettet Sich zuletzt in schwanken Booten

Auf das Meer hinaus – doch hier auch Würgen, tödten sie einander Um des gelben Erzes willen, Das an sich gerafft sie flüchtend.

Mit dem ros'gen Kinderpaare Eldo, Dora, an der Seite, Kehrt zurück aus Eldorado, Kehrt zurück zur alten Heimat

Unser Held, der schwer geprüfte, Aufbehalten zu noch ander'n, Zu noch größeren Geschicken. Und so hat das sel'ge Goldland

Diesem fremden, übermüth'gen, Unersättlichen Geschlechte Seinen Goldschatz flammenlodernd In den gier'gen Schlund gegossen –

Rächend so das paradiesisch- Schöne Dasein auf dem Eiland, Welchem sie gemacht ein Ende.

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Sechster Gesang.Eldorado. · Robert Hamerling · Poetry Cove