Skip to content
1708–1754

Xv. Leichen-Carmen.

Friedrich von Hagedorn

Herr Jost ist todt, der reiche Mann: Wär er nicht reich gewesen; Wir würden, falls ich rathen kann, Auf Jhn kein Carmen lesen.

Sein hocherleuchteter Papa Pflag Jhn oft selbst zu wiegen; Die tugendvolle Frau Mama Erzog Jhn mit Vergnügen.

Er war ein rechter Springinsfeld Jm ersten bunten Kleide, Und ward daher der jungen Welt Und auch der Muhmen Freude.

Nur sieben Jahre war Er alt, Da wusst Er fast zu lesen; Und hieraus sieht ein jeder bald, Wie klug das Kind gewesen.

Man hielte Seiner Jugend zart Wohl zehn Informatores; Die lehrten Jhn, nach mancher Art, Die Sprachen und die Mores.

Es lernte Jost ohn Unterlaß, Daß Jhm der Kopf fast rauchte: Kein Mutter-Kind studirte baß Was es zu wissen brauchte.

Da eilt Er mit der jungen Magd In manche Classen eben, Und führte, mit ihr, unverzagt, Ein exemplarisch Leben.

Er glich dem edlen Garten-Klee, Der zeitig aufwärts steiget, Und nicht der trägen Aloe, Die späte Blühten zeiget.

Doch, weil Er viel zu sinnreich war, Um nur gelehrt zu werden; So riß Jhn bald der Eltern Paar Aus allen Schul-Beschwerden.

Sie sagten: Sohn! Seyd unser Trost! Vermehrt, was wir erworben! Dann seyd Jhr nicht der erste Jost, Der reich und stolz verstorben.

Sogleich verging Jhm aller Dunst Lateinscher alten Sprüche. Er fasste durch die Rechenkunst Die allerschwersten Brüche.

O Einmal Eins! dich sah Er ein, So wie ein rechter Falke. Durch Handlung wirst du glücklich seyn, Verkündigt ihm Herr Halke.

Johannes Halke hatte Recht: Wer prophezeyt behender? Die ihr mir etwa widersprecht, Lest den Natur-Calender!

Seht, seht auf unsern Ehrenmann, Den wir so schön begraben; Wer sonst kein Beyspiel haben kann, Wird es an diesem haben!

Der Wohlerblasste ging auch, traun! Auf nicht zu lange Reisen; Theils um die Fremde zu beschaun, Theils um Sich ihr zu weisen.

In Frankreich war Er ein Baron, In Holland Heer van Josten, Und zeigte Seines Vaters Sohn In Süden, Westen, Osten.

Er kannte wirklich weit und breit Geheime Staats-Intrigues, Und wusste ganz genau die Zeit Des dreyssigjährgen Krieges.

Herr Jost bewies, als Knabe schon, Bey vier Zusammenkünften, Der Sechste Carl sey nicht ein Sohn Von Kaiser Carl dem Fünften.

Er kam zurück und ließ sich sehn, Wo man Jhn sehen sollte. Nun hieß Er iedem klug und schön, Der Jhn so nennen wollte.

Doch rieth man Jhm mit gutem Fug, Den ritterlichen Degen, Den Er an Seiner Seite trug, Nur Sonntags anzulegen.

Das Werk der Handlung wohlgemuth Ward nun von Jhm begriffen. Jhm träumte nur von Geld und Guth, Von Frachten und von Schiffen.

Gelehrte sucht’ Er weiter nicht, Als etwa bey Processen; Sonst macht’ Er ihnen ein Gesicht, Als wollt’ Er alle fressen.

Der Reich-Entschlafne wollte drauf Sich doppelt reich durch Ehen, Ja Sich und Seinen Lebens-Lauf In echten Erben sehen.

Madame starb Jhm plötzlich ab, Eh Er die andre freyte; Die dritte, die Sein Geld Jhm gab, Beerdiget Jhn heute.

Als Trauermann folgt Sein Herr Sohn Mit Ellen-langem Flohre; Und vor Jhm singt die Schule schon In dem gewohnten Chore.

Der schwarzen Mäntel lange Zahl Begleitet Jhn bey Paaren; Er stirbt, doch nur ein einzigmal, Die Kosten zu ersparen.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Xv. Leichen-Carmen. · Friedrich von Hagedorn · Poetry Cove