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1640

Hertzens-Angst eines bußfertigen Sünders

Andreas Gryphius

Mein Heyland! was werd' ich beginnen! Ich gantz mit Lastern überhäufft In tieffsten Unglücks-Schlam vertäufft. Jetzt werd' ich meiner Boßheit innen

Jetzt werd' ich durch mich selbst erschreckt: Indem mich deine Gnad auffweckt. Und mir wie hoch ich dich verletzet Und hart erzörnt vor Augen setzet.

Wie wird mir ach! ach! mein Gewissen Fühlt schärffster Wunden grimme Noth! Mein Hertz erschüttert ob dem Todt Und wird vom innern Wurm durchbissen.

Rinnt herbe Thränen Tag und Nacht! Rinnt rinnt des Höchsten Donner kracht! O wann nichts übrig mehr als Sterben! O könt ich in der Grufft verderben!

Ich leider bin von Gott geschieden! Durch eine Maur' ob der mir graut Die ich von Missethat gebaut! Nun miß' ich Freude Trost und Frieden.

Ich schau der Höllen offnes Hauß Speit auf mich Glut und Marter aus! Des Höchsten Gri i wil Urtheil sprechen Und schon den Richterstab zubrechen.

Der Himmel wird mir ach! geschlossen Er deckt mit Wolcken seine Zier Die heil'gen Wächter fliehn für mir Kein Trost ko it mehr herab geflossen

Ich schaue nichts als Blitz und Nacht Indem erhitzter Wetter Macht Mit viel verhärter Donner-Knallen Auf meinen Scheitel dräut zu fallen.

Die Erd' ermüdet mich zu tragen Bricht unter mir ich schau die Klufft In der man ewig Zetter rufft! Ich schau die Werckstatt grauser Plagen

Ich schau verruchter Seelen Pein! Ach! was kan mehr erschrecklich seyn! Mehr schrecklich ists daß in den Bränden Die Marter nimmermehr zu enden.

O grauser Anblick! kan ich sehen Hier schau ich was ich je begieng Und wider meinen Gott anfing; Was je gewünscht gedacht geschehen!

Hier schau ich was ich unterließ Was ich vor Gnade von mir stieß Weh! weh mir! weh mein gantzes Leben War nur des Satans Dienst' ergeben

Wie wickel' ich mich aus der Ketten Die Brust und Glieder schon umfast? Wer rettet mich von dieser Last? Darff ich vor Gottes Richtstul tretten?

Was geb ich an? was wend ich vor Ich der vor ihm stopfft Hertz und Ohr! Kan ich ihm wol auf tausend Fragen Auch nur ein' einig' Antwort sagen.

Ach Jesu die fall ich zu Fusse Der du dich hast zum Heil der Welt In Noth und Marter eingestellt Ich ko i in ernster Reu und Busse.

Du hast ja des Gesetzes Fluch Und ungerechter Richter-Spruch Daß ich nicht ewig möcht umkommen Unschuldig über dich genommen.

Du hast als du vor mich gestorben Und dein gekröntes Haupt geneigt Und dein eröffnet Hertz gezeigt Mir die Gerechtigkeit erworben

Hat nicht dein Rosinfarbes Blut Gelescht der Höll erhitzte Glut Ach ko i denn ko i mich zu entbinden Ko i dann und tilge meine Sünden.

Ach ko i und heile meine Wunden! Brich ein was zwischen mir und Gott. Du hast ja durch den heilgen Todt Mit mir auf ewig dich verbunden.

Wie könt ich denn verlassen stehn! Wie könt ich Trostloß von dir gehn! Nein! nein! mit dir wil ich obsiegen Laßt Fluch und Sünde mich bekriegen!

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