Ich schreibe schönstes Kind von Fleisch und Blut getrieben Vergib wo dieser Brief zu frey gerahten ist! Es heisset die Natur uns alle beyde lieben Ich weis daß du mit mir von gleicher Regung bist.
Du darffst darüber dir gar kein Gewissen nehmen Was bildest du dir mehr als ander Menschen ein? Weswegen wilt du dich vor deinem Schatten schämen? Wie lange wilt du selbst auf dich tyrannisch seyn?
Du weist es Grausahmste daß ich als Sclave lebe und gleichwol legst du mir erst schwere Ketten an Was soll die Jungfrauschafft das leichte Spinn-Gewebe Das Ding das jeder sucht und niemand finden kan?
Laß deine Rosen bald im ersten Frühling pflücken Gedencke daß sie nicht auf kaltem Eise blühn Die Liebe wil sich nicht zum spähten Alter schicken Es pflegt ihr nackend Kind im Winter weg zu ziehn.
Das Closter glaub es mir hat allzustrenge Lehren Dis ist kein Leben nicht das mich und dich vergnügt Weswegen zeigst du mir die rundgewölbten Brüste? Sie laden meinen Mund und meine Finger ein
Warum erhitzt du mich und reitzest meine Lüste? Wer kan ein Tantalus bey solchen Aepffeln seyn? Wie offt betracht ich nicht die wunder schönen Gaben Und dencke bey mir selbst dis siehet alle Welt
Was muß nicht dieses Kind vor andre Sachen haben Die sie nicht zeigen will und mir verborgen hält? Du wirst dis Heiligthum doch ewig nicht verstecken Sonst geht die Süßigkeit mit deiner Jugend hin
Und bist du es gesinnt vor einem auffzudecken So glaub ich daß ich hier der allernächste bin. Du darffst die Jungferschafft nicht mit zu Grabe tragen Ihr seyd von unserm Fleisch und unserm Bein gemacht
Doch solt es deine Schaam bey Tage mir versagen So gönne mir die Lust bey Schatten reicher Nacht. Ich will mein Paradieß auch nicht im finstern fehlen Der angenehme Weg ist mir nicht unbekannt Indessen solt ich nicht die rechte Strasse wählen
So sey du Führerin ich folge deiner Hand.
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