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1776

Seefahrt

Johann Wolfgang Goethe

Lange Tag' und Nächte stand mein Schiff befrachtet; Günst'ger Winde harrend, saß mit treuen Freunden, Mir Geduld und guten Mut erzechend, Ich im Hafen.

Und sie waren doppelt ungeduldig: „Gerne gönnen wir die schnellste Reise, Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle Wartet drüben in den Welten deiner,

Wird Rückkehrendem in unsern Armen Lieb und Preis dir.“ Und am frühen Morgen ward's Getümmel, Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,

Alles wimmelt, alles lebet, webet, Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen. Und die Segel blühen in dem Hauche, Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;

Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, Jauchzen an dem Ufer alle Freunde Hoffnungslieder nach, im Freudetaumel Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens,

Wie der ersten hohen Sternennächte. Aber gottgesandte Wechselwinde treiben Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, Und er scheint sich ihnen hinzugeben,

Strebet leise sie zu überlisten, Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege. Aber aus der dumpfen, grauen Ferne Kündet leisewandelnd sich der Sturm an,

Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder, Und er kommt. Vor seinem starren Wüten Streckt der Schiffer klug die Segel nieder,

Mit dem angsterfüllten Balle spielen Wind und Wellen. Und an jenem Ufer drüben stehen Freund' und Lieben, beben auf dem Festen:

„Ach, warum ist er nicht hier geblieben! Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke! Soll der Gute so zugrunde gehen? Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!“

Doch er stehet männlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen; Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen: Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe

Und vertrauet, scheiternd oder landend, Seinen Göttern.

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