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1780

Meine Göttin

Johann Wolfgang Goethe

Welcher Unsterblichen Soll der höchste Preis sein'? Mit niemand streit ich, Aber ich geb ihn

Der ewig beweglichen, Immer neuen, Seltsamen Tochter Jovis, Seinem Schoßkinde,

Der Phantasie. Denn ihr hat er Alle Launen, Die er sonst nur allein

Sich vorbehält, Zugestanden Und hat seine Freude An der Törin.

Sie mag rosenbekränzt Mit dem Lilienstengel Blumentäler betreten, Sommervögeln gebieten

Und leichtnährenden Tau Mit Bienenlippen Von Blüten saugen, Oder sie mag

Mit fliegendem Haar Mit düsterm Blicke Im Winde sausen Um Felsenwände

Und tausendfarbig, Wie Morgen und Abend, Immer wechselnd, Wie Mondesblicke,

Den Sterblichen scheinen. Laßt uns alle Den Vater preisen! Den alten, hohen,

Der solch eine schöne Unverwelkliche Gattin Dem sterblichen Menschen Gesellen mögen!

Denn uns allein Hat er sie verbunden Mit Himmelsband Und ihr geboten,

In Freud und Elend Als treue Gattin Nicht zu entweichen. Alle die andern

Armen Geschlechter Der kinderreichen Lebendigen Erde Wandeln und weiden

In dunkelm Genuß Und trüben Schmerzen Des augenblicklichen, Beschränkten Lebens,

Gebeugt vom Joche Der Notdurft. Uns aber hat er Seine gewandteste,

Verzärtelte Tochter, Freut euch! gegönnt. Begegnet ihr lieblich, Wie einer Geliebten!

Laßt ihr die Würde Der Frauen im Haus! Und daß die alte Schwiegermutter Weisheit

Das zarte Seelchen Ja nicht beleid'ge! Doch kenn ich ihre Schwester, Die ältere, gesetztere,

Meine stille Freundin: O daß die erst Mit dem Lichte des Lebens Sich von mir wende,

Die edle Treiberin, Trösterin Hoffnung!

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