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1774

Kenner und Enthusiast

Johann Wolfgang Goethe

Ich führt einen Freund zum Maidel jung, Wollt ihm zu genießen geben, Was alles es hätt, gar Freud genung, Frisch junges, warmes Leben.

Wir fanden sie sitzen an ihrem Bett, Tät sich auf ihr Händlein stützen. Der Herr, der macht' ihr ein Kompliment, Tät gegen ihr über sitzen.

Er spitzt die Nase, er sturt sie an, Betracht' sie herüber, hinüber: Und um mich war's gar bald getan, Die Sinnen gingen mir über.

Der liebe Herr für allen Dank Führt mich drauf in eine Ecken Und sagt, sie wär doch allzu schlank Und hätt auch Sommerflecken.

Da nahm ich von meinem Kind Adieu, Und scheidend sah ich in die Höh: „Ach Herre Gott, ach Herre Gott, Erbarm dich doch des Herren!“

Da führt ich ihn in die Galerie Voll Menschenglut und Geistes; Mir wird's da gleich, ich weiß nicht wie, Mein ganzes Herz zerreißt es.

„O Maler! Maler!“ rief ich laut, „Belohn dir Gott dein Malen! Und nur die allerschönste Braut Kann dich für uns bezahlen.“

Und sieh, da ging mein Herr herum Und stochert' sich die Zähne, Registriert' in Katalogum Mir meine Göttersöhne.

Mein Busen war so voll und bang, Von hundert Welten trächtig; Ihm war bald was zu kurz, zu lang, Wägt' alles gar bedächtig.

Da warf ich in ein Eckchen mich, Die Eingeweide brannten. Um ihn versammelten Männer sich, Die ihn einen Kenner nannten.

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