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1790

Die Reliquie

Johann Wolfgang Goethe

Ich kenn, o Jüngling, deine Freude, Erwischest du einmal zur Beute Ein Band, ein Stückchen von dem Kleide, Das dein geliebtes Mädchen trug.

Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe Sind wirklich keine kleinen Dinge, Allein mir sind sie nicht genug. Mein zweites Glücke nach dem Leben,

Mein Mädchen hat mir was gegeben; Setzt eure Schätze mir darneben, Und ihre Herrlichkeit wird nichts. Wie lach ich all der Trödelware!

Sie schenkte mir die schönsten Haare, Den Schmuck des schönen Angesichts. Soll ich dich gleich, Geliebte, missen, Wirst du mir doch nicht ganz entrissen:

Zu sehn, zu tändeln und zu küssen Bleibt mir der schönste Teil von dir. Gleich ist des Haars und mein Geschicke: Sonst buhlten wir mit einem Glücke

Um sie, jetzt sind wir fern von ihr. Fest waren wir an sie gehangen; Wir streichelten die runden Wangen Und gleiteten oft mit Verlangen

Von da herab zur rundern Brust. O Nebenbuhler, frei vom Neide, Reliquie, du schöne Beute, Erinnre mich der alten Lust.

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