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1799

Die erste Walpurgisnacht

Johann Wolfgang Goethe

Es lacht der Mai! Der Wald ist frei Von Eis und Reifgehänge. Der Schnee ist fort;

Am grünen Ort Erschallen Lustgesänge. Ein reiner Schnee Liegt auf der Höh;

Doch eilen wir nach oben, Begehn den alten heil'gen Brauch, Allvater dort zu loben. Die Flamme lodre durch den Rauch!

So wird das Herz erhoben. Die Flamme lodre durch den Rauch! Begeht den alten heil'gen Brauch, Allvater dort zu loben!

Hinauf! hinauf nach oben! Könnt ihr so verwegen handeln? Wollt ihr denn zum Tode wandeln? Kennet ihr nicht die Gesetze

Unsrer harten Überwinder? Rings gestellt sind ihre Netze Auf die Heiden, auf die Sünder. Ach, sie schlachten auf dem Walle

Unsre Weiber, unsre Kinder. Und wir alle Nahen uns gewissem Falle. Auf des Lagers hohem Walle

Schlachten sie schon unsre Kinder. Ach, die strengen Überwinder! Und wir alle Nahen uns gewissem Falle.

Wer Opfer heut Zu bringen scheut, Verdient erst seine Bande. Der Wald ist frei!

Das Holz herbei, Und schichtet es zum Brande! Doch bleiben wir Im Buschrevier

Am Tage noch im stillen, Und Männer stellen wir zur Hut Um eurer Sorge willen. Dann aber laßt mit frischem Mut

Uns unsre Pflicht erfüllen. Verteilt euch, wackre Männer, hier Durch dieses ganze Waldrevier, Und wachet hier im stillen,

Wenn sie die Pflicht erfüllen. Diese dumpfen Pfaffenchristen, Laßt uns keck sie überlisten! Mit dem Teufel, den sie fabeln,

Wollen wir sie selbst erschrecken. Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln Und mit Glut und Klapperstöcken Lärmen wir bei nächt'ger Weile

Durch die engen Felsenstrecken. Kauz und Eule Heul in unser Rundgeheule! Kommt mit Zacken und mit Gabeln

Wie der Teufel, den sie fabeln, Und mit wilden Klapperstöcken Durch die leeren Felsenstrecken! Kauz und Eule

Heul in unser Rundgeheule! So weit gebracht, Daß wir bei Nacht Allvater heimlich singen!

Doch ist es Tag, Sobald man mag Ein reines Herz dir bringen. Du kannst zwar heut

Und manche Zeit Dem Feinde viel erlauben. Die Flamme reinigt sich vom Rauch: So reinig unsern Glauben!

Und raubt man uns den alten Brauch: Dein Licht, wer will es rauben! Hilf, ach hilf mir, Kriegsgeselle! Ach, es kommt die ganze Hölle!

Sieh, wie die verhexten Leiber Durch und durch von Flamme glühen! Menschenwölf und Drachenweiber, Die im Flug vorüberziehen!

Welch entsetzliches Getöse! Laßt uns, laßt uns alle fliehen! Oben flammt und saust der Böse; Aus dem Boden

Dampfet rings ein Höllenbroden. Schreckliche, verhexte Leiber, Menschenwölf und Drachenweiber! Welch entsetzliches Getöse!

Sieh, da flammt, da zieht der Böse! Aus dem Boden Dampfet rings ein Höllenbroden. Die Flamme reinigt sich vom Rauch:

So reinig unsern Glauben! Und raubt man uns den alten Brauch: Dein Licht, wer kann es rauben!

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