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1719–1803

Der Vermittler.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

In dem Garten, den ich liebe, Wolt ich, mitten unter Rosen, Mit der artigsten Brunette Frohe Gartenspiele spielen.

Schatten, West und Nachtigallen Pries ich ihr als Spielgefellen; Aber die vergnügte Schöne Ließ sich nicht zum Spiele reitzen;

Ob sie gleich die Lust zum spielen Röthend auf den Wangen zeigte. Neue Gründe, neue Bitten Schaften endlich Ja und Willen,

Daß ich mir mit Rosenknospen Ihren Kuß erwerben solte, Wenn ich sie damit, von weiten, In der Laube treffen könnte.

Niemals hab ich mehr gezielet, Als ich mit den Knospen zielte; Niemals traf mein Bogen besser. Aber Doris, die Geliebte

Weigerte den Preis der Wette Dem Gewinner abznliefern, Und versprach bei iedem Treffer Alle Schulden auszulöschen,

Wenn noch eine Knospe träfe. Als nun eine unter dreien Treffen oder fehlen solte, Traf sie plötzlich an den Busen

Eine schwere Rosenknospe. Augenblikks, indem sies fühlte, Oefnete die Rosenknospe Das Behältniß der Gerüche,

Und, ihr Schönen, welch ein Wunder! Amor kam heraus gesprungen. Kleine Anmuts volle Lokken Fielen von der zarten Scheitel,

Von den Küssenswerten Lippen Treufelten die Küsse sichtbar, Und ein Trupp verliebter Geister Und ein Schwarm vergnügter Silfen

War geschäftig, sie zu sammlen. Mit vergnügten Wollustminen Lächelte der Götterknabe. Schwebend flog er, wie ein Engel,

Zwischen mir und meiner Schöne, Welche voller Furcht und Schrekken Hurtig aus der Laube flohe. Aber Amor rief sie freundlich:

Kleines Närrchen, bist du blöde? Bleib nur hier, sonst schießt mein Bogen, Und du wirst ihm nicht entrinnen. A

Kam sie wieder nach der Laube, Wo sich Amor ihren Augen, Ohne Kleid und Hemde zeigte. Hurtig wandte sie die Augen

Nach der Gärtnerin im Garten; Wie sie schamhaft kluge Schönen, In Gesellschaft wehrter Freunde, Von geschnitzten Liebesgöttern

Lieber nach Citheren wenden. Aber Amor flog ihr näher, Und befahl mir, daß sies hörte: Liebling, pflükke Rosenknospen,

Ich will sehn, ob deine Knospen So, wie meine Pfeile, treffen. Ich gehorchte dem Befehle; Als ich aber unterwegens

Die gepflükten Rosenknospen In die Tasche stekken wollte: Fand ich, Freunde glaubt dem Finder! Beßre Knospen in der Tasche.

Diese nahm ich, statt der andern, Und indem mich Amor winkte, Und indem sie Amor küßte, Ließ ich schnell die Knospe fliegen.

Kaum war sie der Hand entflogen, Als mich schon der Wurf gereute; Denn sie sank in Amors Arme, Und ich dachte, meine Knospe

Hätte sie so stark getroffen, Daß sie hurtig sterben würde. Denn sie seufzte: Welche Wunde! Seht nur her! ich bin verwundet!

Aber Amor lachte frölich, Und besichtigte die Wunde, Und wies mit dem kleinen Finger Knosp und Pfeil und Wund am Busen.

Siehst du, sprach er, deine Knospe Muste diesen Pfeil verwahren, Denn du soltest diese Lose, Die mich oft, wie dich, verspottet,

Für die Spötterei bestrafen. Laß sie noch ein bisgen quälen, Und dann nimm den Liebesbalsam, Das Geschenk von meiner Mutter,

Und bestreich damit die Wunde. Küsse sie, nun wird sie küssen; Laß dir den Gewinst bezalen, Und bezale du sie wieder,

Wenn sie dich in Zukunft mahnet; Denn, mein Freund, so und nicht anders Hab ich dich und sie vermittelt. O wie oft, wie sanft, wie zärtlich

Küßte mich die liebe Schöne, Als sie Amors Vorwurf hörte! Reuerfüllte Freudentränen Flossen von den schönen Wangen.

Amor ließ sie von den Silfen, Die wie Sonnenstäubchen schwärmten, In ihr Kußgefässe sammlen, Wo sie, wie mir Amor sagte,

Seine Küsse feuchten solten, Daß sie frisch und reitzend blieben, Bis er zu der schönen Mutter Wieder in den Himmel käme.

Wie vertraut, wie froh, wie freundlich Sprach mit uns der Gott der Liebe! Könt ihn doch mein Pinsel malen, Daß ihn alle Schönen sähen,

Das die Anmut seiner Glieder, Ob sie gleich nicht männlich stehen, Dennoch sie zum Kusse reitzte! Könt ich doch die kleinen Geister,

Die auf Pfeil und Bogen lachten, Die um Kinn und Wangen schwärmten, Mit der Göttersprache malen! Könt ich doch den blöden Schönen

Die Erscheinung sichtbar machen! Doch sie werden dem Erzälen Meiner lieben Doris glauben, Denn man weiß, sie kan nicht lügen.

Ja, sie werden alles glauben, Wenn sie künftig sehen werden, Daß die Rosen nie verwelken, Die auf ihrem Busen blühen.

Doris soll zwar viel erzälen, Aber das, was ich verschweige, Soll sie ebenfalls verschweigen. Welche seltne Heimlichkeiten

Hat uns Amor nicht entdekket, Eh er schnell, vor unsern Augen, Wieder in die Knospe flohe, Oder in den Götterhimmel.

Drei Minuten nach dem Wunder Blühten beide Wunderrosen, In der schönsten Rosenblüte, Auf dem Busen meiner Doris.

Brüder, wollt ihr es nicht glauben? Geht nur hin, und seht die Rosen.

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