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1719–1803

Der Sternseher. An Herrn ‒‒ ‒‒ ‒‒ ‒‒

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Der Kenner aller Welten, Der in dem Sterngewölbe Kometen und Trabanten Und neue Sonnen suchet,

Und ohne Scherz und Liebe Durch alle Nächte wachet, Bewog mich iüngst am Abend Zu frieren und zu wachen.

Den holen Raum des Himmels Erhell’ten tausend Sterne, Wie tausend helle Lampen Den weissen Saal erhellen.

Sie brannten in dem Blauen, Und warfen kleine Stralen, Wie Lichter Stralen werfen; Und oft sah ich, verwundernd,

Wie sie sich selber putzten. Sie brannten still und sicher, Bis Lun Den Abgrund heller machte;

Schnell waren von der Menge Die kleinsten ausgelöschet. Ich rief dem Mond entgegen: So dulde doch, Tiranne,

Bei deinem grossen Schimmer, Die kleinen Himmelslichter! Allein der Sternbeseher Beseufzte meine Dumheit,

Und rief beim letzten Seufzer: Du Dummer, steh doch stille! Ich stand; er rief: Steh veste! Und legt auf meine Schulter

Ein Rohr, als wollt er schiessen. Ich bat ihn um mein Leben, Allein ich muß ietzt lachen, Es schlt ihm Rohr und Pulver,

Denn die vermeinte Flinte, Das Rohr auf meiner Schulter, War nur ein langes Auge, Womit er durch die Lüfte

Den Mond herunter holte. Er holt’ ihn auch herunter, Und sah ihn in der Nähe, Und sprach: Ich will im Monde,

Die Thäler voller Tannen, Und alle Wälder zälen; Ich will die Berge messen, Und alle Flüsse zälen.

Er zälte schon bis zwanzig; Allein, indem er zälte, Erhub er schnell die Stimme, Und rief, wie Wächter rufen:

Im Monde wohnen Mädchens! Er, der noch nie gelächelt, Fing plötzlich an zu lachen, Und sahe nach dem Monde,

Und lachte plötzlich wieder, Und sprach, noch halb im Lachen: Ich sehe kleine Mädchens; Sie tanzen unter Knaben,

Sie tanzen nach Figuren, Nach Winkeln und Quadraten, Nach Zirkeln und Ovalen, Und spielen mit dem Zirkel,

Und stehn auf hohen Gipfeln, Und sehn mit längern Augen, Als Neuton und Copernik. Ich habe nie mit Mädchens

Getanzet noch gespielet; O! könnt ich doch im Monde Mit diesen Mädchens spielen. Ach lieber Sternbeseher!

So sprach ich, blöd’ und furchtsam, Ach laß mir doch die Mädchen Mit meinem Auge sehen. Gleich grif er an mein Auge,

Und sprach, wie Zaub’rer sprechen: Dis Auge werde länger. Indem er dieses sagte, Ließ ein vergnügtes Mädchen,

Das mich und ihn beschaute, Das mich und ihn verlachte, Die schwarzen Augen funkeln. Schnell rief ich: Weg vom Auge!

Mein Auge soll nicht wachsen. Besieh du deine Mädchens. Ich will mit diesem spielen.

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