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1719–1803

An das Frauenzimmer.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Sagt mir doch, geliebte Schönen, Ist euch Amor denn nicht sichtbar? Oder sagt ihrs niemand wieder, Weil er allzu oft erscheinet?

O! ihr dürst es nicht verbergen, Wenn er euch gleich oft erscheinet. Kan ein Gott euch Schande bringen? Wenn er euch des Nachts belauschet,

Wenn er euch des Tages lokket: O! so sagt es, euch zur Ehre, Freunden oder Gönnern wieder. Dann wird euch ein ieder loben.

Oder wolt ihrs mir entdekken: So will ich, ihr solt es schen, Euch einmal den Amor fangen. Dann könt ihr mit goldnen Strikken,

Ihn an euer Bette binden, Daß er Wunsch und Klagen höre. Dann könt ihr ihm alles klagen, Und ihn eher nicht befreien,

Bis er sich mit euch versöhnet, Bis er alle Kammersorgen Mit der Kammerlust verwechselt; Bis er sich in allen Stükken

Gütig, wie ein Gott, erwiesen. O! wie werdet ihr die Güte Des gefangnen Gottes preisen. Ruft mich nur, wenn er erscheinet,

Denn ich weiß ihn gut zu fangen.

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